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Niedriglohnempfänger und Arbeitnehmer mit Einkommen unter dem Existenzminimum

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  • Observatory: EurWORK
  • Topic:
  • Date of Publication: 13 August 2003



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Elias Ioakimoglou and Eva Soumeli
Institution:

Nach wie vor gibt es in Europa Beschäftigungsverhältnisse mit Niedriglöhnen, wobei Schätzungen zufolge etwa jeder siebte Arbeitnehmer in der EU einen Niedriglohn erhält - auch wenn die Definitionen erheblich voneinander abweichen. Darüber hinaus wurde dem Phänomen der 'Arbeitnehmer mit Einkommen unter dem Existenzminimum' in den letzten Jahren immer mehr Bedeutung beigemessen. In dieser Vergleichsstudie der EIRO wird das Ausmaß von Beschäftigungsverhältnissen mit Niedriglöhnen und Armut mit geringfügiger Beschäftigung in der EU und Norwegen untersucht. Dabei werden die einzelnen Definitionen dargelegt und die Faktoren analysiert, die zu Niedriglöhnen führen. Anschließend wird dieses Thema vor dem Hintergrund der Arbeitsbeziehungen betrachtet und dabei die Rolle gesetzlich oder tarifvertraglich festgelegter Mindestlohnsysteme sowie das Gewicht von Tarifverhandlungen in Bezug auf die Verbreitung von Niedriglöhnen erörtert.

In den letzten Jahren hat sich in Europa eine immer schärfere Debatte über 'Niedriglohnempfänger' und 'Arbeitnehmer mit Einkommen unter dem Existenzminimum' entwickelt. Seit Anfang der 80er-Jahre ist es auf den europäischen Arbeitsmärkten zu erheblichen Veränderungen und Reformen gekommen; infolgedessen herrscht die allgemeine Ansicht, dass die Lohnverteilung während dieses Zeitraums unausgewogener geworden sei. Verschiedenen Berichterstattern zufolge ist dies auf eine Schwächung der Verhandlungsmacht von Arbeitnehmern (auf Grund der Angst vor Arbeitslosigkeit), institutionelle Veränderungen und einen Wandel der Zusammensetzung der Erwerbsbevölkerung zurückzuführen. Der Anstieg einer solchen Lohnungleichheit lässt die Frage aufkommen, inwieweit sich dies auf das Leben von Arbeitnehmern auswirkt, die sich am unteren Ende der Lohnverteilung befinden. Denn der Anteil von Arbeitnehmern, die einen so niedrigen Lohn erhalten, dass damit sogar die Sicherung eines angemessenen Lebensstandards in Gefahr ist, wird immer größer. Einige Stimmen fordern hierbei die Verbesserung bzw. Einführung von Mechanismen zur Verhinderung übermäßig niedriger Löhne, wie zum Beispiel eine Art 'Grundlöhne'.

Dagegen führen andere Forscher (zumeist Mainstream-Wirtschaftswissenschaftler) häufig als Argument ins Feld, dass Niedriglöhne Unterschiede in der Produktivität von Arbeitnehmern widerspiegeln und 'Grundlöhne' die fundamentale Rolle des Marktes - d. h. eine effiziente Ressourcenverteilung - unterwandern. Niedrige Produktivitätsraten in zahlreichen Erwerbstätigkeiten oder Berufen (zumeist im Dienstleistungssektor) erfordern ein niedriges Reallohnniveau, um eine Rentabilitätsrate zu generieren, die mit derjenigen von Erwerbstätigkeiten bzw. Berufen mit hoher Produktivität vergleichbar ist. Infolgedessen werden gesetzlich festgelegte Mindestlöhne als Hindernis für die berufliche Eingliederung gering qualifizierter Arbeitnehmer betrachtet.

Ebenso hat die Wirtschaftslage in Europa während der letzten 20 Jahre zur Entstehung einer relativ neuen sozialen Kategorie geführt, zu der 'Arbeitnehmer mit Einkommen unter dem Existenzminimum' gehören (d. h. Arbeitnehmer, die zwar einer Beschäftigung nachgehen, aber unter einer festgelegten Armutsschwelle bleiben). Einer häufig verbreiteten Meinung zufolge sind beide Situationen, d. h. gleichzeitig ein Niedriglohnempfänger zu sein und unter dem Existenzminimum zu leben, eng miteinander verwurzelt, sodass weniger Niedriglöhne automatisch zu weniger Armut führen würden.

EU-Kontext

Im Laufe der Jahre wurde dem Thema Niedriglöhne in der Europäischen Union immer mehr Aufmerksamkeit zuteil. In der Gemeinschaftscharta der sozialen Grundrechte der Arbeitnehmer von 1989 (der 'Sozialcharta') heißt es, dass 'für jede Beschäftigung ein gerechtes Entgelt zu zahlen ist. Zu diesem Zweck empfiehlt es sich, dass entsprechend den Gegebenheiten eines jeden Landes den Arbeitnehmern ein gerechtes Arbeitsentgelt garantiert wird, d. h. ein Arbeitsentgelt, das ausreicht, um ihnen einen angemessenen Lebensstandard zu erlauben'. 1993 nahm die Europäische Kommission im Rahmen des Aktionsprogramms zur Umsetzung der Sozialcharta eine Stellungnahme zu einem gerechten Arbeitsentgelt an, in der es heißt, dass das Streben nach einem gerechten Arbeitsentgelt als Bestandteil der allgemeinen Bemühungen um höhere Produktivität und Schaffung von Arbeitsplätzen zu betrachten sei und gute Beziehungen zwischen beiden Seiten der Industrie fördern solle. Die Mitgliedstaaten wurden dazu ermutigt, über eine bessere Arbeitsmarkttransparenz in Bezug auf Löhne auf die Ausarbeitung einer gerechten Lohnpolitik hinzuarbeiten. Auch die Sozialpartner wurden aufgefordert, zur Erreichung dieses Zieles beizutragen.

1997 veröffentlichte die Kommission erstmals seit ihrer Stellungnahme von 1993 einen Lagebericht über gerechte Arbeitsentgelte (EU9702103N). Dabei kam sie zu dem Schluss, dass die meisten Mitgliedstaaten über einen ausreichenden gesetzlichen Rahmen zur Durchsetzung gerechter Arbeitsentgelte verfügen. Allerdings war die Stellungnahme der Kommission nur in wenigen Mitgliedstaaten Auslöser entsprechender Maßnahmen; die Mehrheit der Mitgliedstaaten betrachtete eine direkte Einmischung in die Lohnpolitik als unerwünscht. Außerdem waren die Einflussmöglichkeiten der Regierungen auf die Lohnpolitik auf Grund der Entwicklung auf den Arbeitsmärkten, wie z. B. die Zunahme von zeitlich befristeter Beschäftigung und Teilzeitarbeit, eingeschränkt. Den verfügbaren Angaben zufolge war die Lohnverteilung im Laufe der Zeit im Allgemeinen auseinander gedriftet; in einer Reihe von Mitgliedstaaten war es zu immer größeren Lohnungleichheiten gekommen und die Transparenz von Lohnangaben zu einem permanenten Problem geworden.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass dieser besondere Sachverhalt bezüglich niedriger oder ungerechter Löhne seit damals in der EU-Politik kaum eine Rolle gespielt hat. Stattdessen wurde der Schwerpunkt in diesem Bereich mehr und mehr auf die Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung sowie auf die Verbesserung der 'Arbeitsqualität' verlagert. Im Jahr 2000 machte der Europäische Rat die Bekämpfung von Armut und Ausgrenzung zum Kernthema seines neuen'Lissabonner' Modernisierungsansatzes (EU0004241F). Im Anschluss wurde eine Strategie zu sozialer Ausgrenzung verabschiedet, wobei die Mitgliedstaaten im Jahr 2001 als Antwort auf die vereinbarten EU-Ziele (EU0111101N) nationale Aktionspläne einreichten. In dieser Strategie wird hervorgehoben, dass der beste Schutz vor sozialer Ausgrenzung in einem Arbeitsplatz bestehe, außerdem beinhalten ihre Ziele, dass 'jedem die für ein menschenwürdiges Dasein notwendigen Mittel zur Verfügung stehen' und 'die Beschäftigungsaufnahme mit einem höheren Einkommen einhergeht'. Gleichwohl wird einem niedrigen Lohnniveau nur wenig direkte Bedeutung beigemessen.

Betreffend die Arbeitsqualität veröffentlichte die Kommission im Juni 2001 eine Mitteilung zu Beschäftigung und Sozialpolitik: Ein Konzept für Investitionen in Qualität, in dem die Verpflichtung aus ihrer gegenwärtigen, auf fünf Jahre angelegten sozialpolitischen Agenda weiterentwickelt wird (EU0007266F), um die Qualität in der Beschäftigungs- und Sozialpolitik zu erhöhen. Dabei werden eine Reihe möglicher Indikatoren für Arbeitsqualität vorgeschlagen, darunter Indikatoren in Bezug auf die 'intrinsische Qualität der Arbeitsplätze'. Die von der Kommission vorgeschlagenen Indikatoren zur Einschätzung der Erreichung des Zieles, dass 'Arbeitsplätze eine intrinsische Qualität aufweisen, die Arbeitszufriedenheit vermittelt, mit den Qualifikationen und Fähigkeiten des Arbeitnehmers vereinbar sind und ein angemessenes Arbeitseinkommen bieten', beziehen sich auf Niedriglohnempfänger (Arbeitnehmer, die weniger als 60% des medianen Einkommens verdienen) und 'Arbeitnehmer mit Einkommen unter dem Existenzminimum' sowie auf die Einkommensverteilung und den Anteil von Arbeitnehmern, die im Laufe der Zeit besser bezahlten Beschäftigungsverhältnissen nachgehen. Die Kommission machte folgende Anmerkungen: 'Der Zusammenhang zwischen geringer oder fehlender Qualifikation und Berufsaussichten, geringem Verdienst und Armut ist unverkennbar. Ein Engpass an Arbeitskräften mit hohem Qualifikationsniveau führt zu Lohnsteigerungen am oberen Ende der Einkommensskala, während andererseits eine große Anzahl von gering qualifizierten und unqualifizierten Arbeitskräften die Löhne am unteren Ende der Einkommensskala nach unten drückt. Dies macht wiederum höhere Sozialleistungen erforderlich, um die Einkommen von Geringverdienerhaushalten auf ein sozial annehmbares Mindestniveau anzuheben'. Die Vorgehensweise der Kommission wurde auf dem Gipfel des Europäischen Rates im Dezember 2001 in Laeken bekräftigt (EU0201231N).

Außerhalb des EU-Rahmens wird das Recht auf eine 'angemessene Entlohnung', das sich auf eine 'Entlohnung bezieht, die Arbeitnehmern und ihren Familien einen angemessenen Lebensstandard gewährleistet', auch in der Europäischen Sozialcharta des Europarats aufgegriffen. Auf dieser Grundlage empfahl der Ausschuss unabhängiger Sachverständiger, der bei der Umsetzung der Charta eine Beraterfunktion einnimmt, 1977 einen Mindestwert bezüglich der 'Angemessenheitsschwelle', die bei 68% des nationalen Durchschnittseinkommens lag. In jüngster Zeit hat der Ausschuss diese Schwelle vor dem Hintergrund veränderter Umstände (zum Beispiel die Entwicklung von Einkommensmustern innerhalb von Familien) jedoch modifiziert und dabei darauf hingewiesen, dass der niedrigste Nettolohn nicht unter 60% des durchschnittlichen Nettolohns fallen sollte.

Die Studie

Die beiden Themen Niedriglohnempfänger und Arbeitnehmer mit einem Einkommen unter dem Existenzminimum sind gegenwärtig höchst aktuell, obwohl - wie oben erwähnt - zwischen Forschern und Fachleuten der verschiedensten Disziplinen (einschließlich Wirtschaftswissenschaften und Arbeitsbeziehungen) erhebliche Meinungsverschiedenheiten bestehen, was die gegenwärtigen Entwicklungen in diesem Bereich und deren Bedeutung angeht. In diesem Zusammenhang wird in dieser Vergleichsstudie, die auf den Beiträgen der nationalen Zentren der Europäischen Beobachtungsstelle für die Entwicklung der Arbeitsbeziehungen (EIRO) in den EU-Mitgliedstaaten und Norwegen beruht, Folgendes untersucht:

  • der Anteil von Niedriglohnempfängern (d. h. die Gruppen in der erwerbstätigen Bevölkerung, die stärker von Lohnungleichheit betroffen sind) an der gesamten Beschäftigung sowie die Merkmale dieser Arbeitnehmer und ihrer Beschäftigung;
  • die Häufigkeit des Phänomens von 'Arbeitnehmern mit Einkommen unter dem Existenzminimum' und dessen Zusammenhang mit Niedriglöhnen;
  • Zusammenhang zwischen Niedriglöhnen und geringer Produktivität sowie die Bedeutung von 'Grundlöhnen'- insbesondere Mindestlohnsystemen - zur Senkung der Anzahl von Niedriglohnempfängern; und
  • Einkommensmobilität, d. h. die Möglichkeit für Niedriglohnempfänger, vom unteren Ende der Lohnskala zu höheren Stufen zu gelangen.

Infolgedessen werden bzw. wird in der Studie:

  • Konzept und Definitionen von Niedriglohnempfängern und Arbeitnehmern mit Einkommen unter dem Existenzminimum in den untersuchten Ländern erörtert;
  • Niveau und allgemeine Entwicklung von Niedriglöhnen in ganz Europa sowie deren Höhe betrachtet;
  • ein Überblick über Faktoren gegeben, die die Häufigkeit von Niedriglöhnen beeinflussen;
  • untersucht, inwieweit gering verdienende Arbeitnehmer in besser bezahlte Positionen wechseln können;
  • der Zusammenhang zwischen gering verdienenden Arbeitnehmern und Arbeitnehmern mit Einkommen unter dem Existenzminimum analysiert;
  • der Einfluss institutioneller Vereinbarungen auf Niedriglöhne beleuchtet, wobei der Schwerpunkt auf Mindestlohnvereinbarungen, Tarifverhandlungen, Gewerkschaften, Grundlöhnen und Arbeitsmarktpolitiken liegt; und
  • Ansichten und Politiken der Sozialpartner in diesem Bereich behandelt;

In einem Anhang zu dieser Studie werden Geltungsbereich und Qualität der jeweiligen Lohnstatistiken untersucht.

Wie im Folgenden ersichtlich, sind die in den einzelnen Ländern verwendeten Definitionen, Datenquellen und Statistikmethoden nicht immer identisch; des Weiteren können Vergleiche zwischen Ländern nicht immer mit hoher Genauigkeit angestellt werden. Nichtsdestoweniger können eine Reihe allgemeiner Tendenzen ausgemacht werden.

Konzept und Definitionen

Obwohl die verschiedenen, in der EU und Norwegen hauptsächlich zu politischen, wissenschaftlichen und statistischen Zwecken herangezogenen Definitionen zu Niedriglohnempfängern Gemeinsamkeiten aufweisen, gibt es von diesem Konzept keine präzise Definition, die von allen Beteiligten akzeptiert wird. Auch wenn im Allgemeinen davon ausgegangen wird, dass Niedriglöhne als Löhne zu definieren sind, die unterhalb einer Schwelle für eine sozial vertretbare Entlohnung liegen, gelangen Wissenschaftler und politische Entscheidungsträger auf Grund der Schwierigkeiten bei der Bestimmung dessen, was nach objektiven Gesichtspunkten sozial akzeptabel ist, zur Festlegung unterschiedlicher Schwellen. Diese werden dann im Verhältnis zum medianen Einkommen - oder gelegentlich dem Durchschnittslohn - sämtlicher Arbeitnehmer ausgedrückt.

Nach der Definition der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) wird von einem Niedriglohn gesprochen, wenn weniger als zwei Drittel des medianen Lohnes aller Vollzeitbeschäftigten gezahlt werden; diese Schwelle scheint in Forschungsergebnissen und Statistiken von Ländern wie Österreich, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien und Portugal allgemein anerkannt zu sein. Bisweilen werden anstatt zwei Drittel auch 50% des medianen Einkommens als Schwelle zur Definition sehr niedriger Löhne angesehen. In Dänemark scheint die Eurostat-Definition vorzuherrschen, wonach eine geringe Bezahlung bei einem Monatslohn von unter 60% des medianen Lohns vorliegt. Wissenschaftler und Interessengruppen in anderen Ländern greifen jedoch auf ihre eigenen Schwellenwerte zurück. Beispielsweise wird in Deutschland im Allgemeinen davon ausgegangen, dass eine geringe Bezahlung dann gegeben ist, wenn der Lohn weniger als 75% des nationalen Durchschnitts beträgt. Dagegen entspricht die in Norwegen am häufigsten von Gewerkschaften und Statistics Norway verwendete Definition einem Stundenlohn von weniger als 85% des in der verarbeitenden Industrie durchschnittlich gezahlten Stundenlohns. Das Office for National Statistics (ONS) im Vereinigten Königreich benutzt den Begriff 'gering verdienend' seit kurzem für Arbeitnehmer, die weniger verdienen als der gesetzliche nationale Mindestlohn. Es scheint, als riefen Tarifverhandlungen, Institutionen und Traditionen in einigen Ländern eine implizite Definition von Niedriglöhnen hervor, die sich auf eine Art Mindestlohn bzw. Mindesteinkommen bezieht.

Ein weiterer strittiger Punkt bei der Ausarbeitung einer Definition betrifft den Lohn, der Gegenstand einer Definition von Niedriglohn sein soll. Einige Stimmen führen hierbei als Argument an, dass die Definition für eine jährliche Entlohnung gelten müsse, die als Einkommen und nicht als Kosten betrachtet werde. Auf Grund der Entwicklung der Teilzeitarbeit kann die daraus resultierende steigende Anzahl gering verdienender Arbeitnehmer (in Bezug auf das gesamte Einkommen) nicht durch Berechnungen erfasst werden, die auf Bruttostundenlöhnen beruhen. Nichtsdestoweniger ist die in bestimmten Fällen (wie z. B. in Norwegen und einigen irischen Studien) zu Grunde gelegte Definition der Stundenlohn; dies bedeutet, dass diejenigen als Niedriglohnempfänger bezeichnet werden, die einen Stundenlohn unterhalb eines bestimmten Prozentsatzes des im untersuchten Land bezahlten Durchschnitts oder medianen Stundenlohns erhalten. Es hat den Anschein, als bestehe diese Definition, die den neuesten Gegebenheiten auf den Arbeitsmärkten nicht besonders gut Rechnung trägt, in einigen Ländern deswegen fort, weil sie tarifvertraglich festgelegt wurde und institutionell und traditionell verankert ist. Eurostat und Länder wie Österreich, Dänemark, Frankreich (wo Wissenschaftler auch mit Jahreszahlen arbeiten) und Griechenland greifen auf einen monatlichen Referenzwert zurück.

Weitere Abweichungen bestehen zwischen den Definitionen zur Arbeitszeit. In einigen Fällen - wie zum Beispiel in der weit verbreiteten Definition der OECD - bezieht sich die Definition auf Vollzeitarbeitnehmer (dies ist auf Gründe im Zusammenhang mit der Unsicherheit hinsichtlich der Arbeitszeit zurückzuführen). Bleiben Teilzeitarbeitnehmer bei der Berechnung der Zahl von Niedriglohnempfängern unberücksichtigt, wird die Häufigkeit von Niedriglöhnen nichtsdestoweniger unterschätzt. Es ist allgemein anerkannt, dass sich die Definition auf alle Arbeitnehmer unabhängig von Sektor oder Geschlecht bezieht. Gleichwohl ist nicht immer klar, ob sich die Definition von Niedriglohnempfängern auch auf Arbeitnehmer bezieht, die entweder als Lehrlinge oder minderjährige Arbeitnehmer in der Ausbildung beschäftigt sind (solche Arbeitnehmer sind beispielsweise in Frankreich ausgeschlossen).

Auch in amtlichen Statistiken finden sich keine Angaben zu Niedriglöhnen in der 'Untergrund-' bzw. 'inoffiziellen' Wirtschaft, in der im Allgemeinen Immigranten, junge Leute und Frauen beschäftigt sind. Damit liegt es auf der Hand, dass Niedriglohnarbeit - da sie eher in der Untergrundwirtschaft auftritt - bei weitem unterschätzt wird. Das Ausmaß dieser Nichterfassung entspricht dem Umfang der 'inoffiziellen' Wirtschaftsaktivität des jeweiligen Landes.

Der Stand der wissenschaftlichen Untersuchung von Niedriglöhnen sowie die Zahl der Studien und Veröffentlichungen in diesem Bereich unterscheiden sich zwischen den einzelnen Ländern ganz erheblich. Während es in manchen Ländern (wie z. B. Griechenland, Luxemburg, Portugal und Spanien) fast überhaupt keine Forschung gibt oder diese erst anläuft, wurden in anderen Ländern (wie z. B. Frankreich und Deutschland) bereits große Fortschritte verzeichnet.

Die Definitionen von 'Arbeitnehmern mit Einkommen unter dem Existenzminimum' sind genauso unterschiedlich wie die Definitionen von Niedriglöhnen. Die ausführlichste und genaueste Definition stammt von Frankreichs Nationalem Institut für Statistik und Wirtschaftsstudien (Institut national de la statistique et des études économiques, INSEE), die sich auf Arbeitnehmer bezieht, die: während des Jahres mindestens sechs Monate lang auf dem Arbeitsmarkt verfügbar waren; während des Jahres mindestens einen Monat lang eine Arbeitsstelle innehatten; und in einem Haushalt leben, in dem das Einkommen pro 'Verbrauchseinheit' weniger als 50% des medianen Einkommens beträgt. Die in Deutschland üblicherweise akzeptierte Definition ist eine Ausdehnung des Niedriglohnkonzepts: Vollzeitarbeitnehmer werden dann als 'Arbeitnehmer mit Einkommen unter dem Existenzminimum' betrachtet, wenn ihre Löhne weniger als 50% des nationalen Durchschnitts betragen. In einem Armutsbericht der Hans Böckler-Stiftung, des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) und des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands werden 40% des Durchschnittslohns als 'extreme', 50% als 'mittelschwere' Armut und 75% als Schwelle für 'gefährdeten Wohlstand' betrachtet.

In zahlreichen Ländern gibt es keine spezielle Definition von 'Arbeitnehmern mit Einkommen unter dem Existenzminimum'; Ausgangspunkt für die Einschätzung der Armut ist das Einkommen der Haushalte und nicht das Einkommen jeder einzelnen Person. Gängige Definitionen schließen Haushalte mit mindestens einem Einkommen aus einem Teilzeit- oder Vollzeitbeschäftigungsverhältnis ein. Im Vereinigten Königreich müssen diese Einkommen entweder weniger als die Hälfte oder 60% des medianen Einkommens betragen. Dagegen liegt diese Schwelle in Norwegen bei einem verfügbaren Einkommen nach Steuern von unter 40%, 50% oder 60% des medianen bzw. durchschnittlichen Einkommens. In Österreich betrifft dies Haushalte mit niedrigem Einkommen und unzureichenden 'sozialen Chancen'.

Ausmaß von Niedriglöhnen

Die zur Anzahl von Niedriglohnempfängern in der EU und Norwegen verfügbaren Statistiken (sowohl in absoluten Zahlen wie auch als prozentualer Anteil von allen Arbeitnehmern) zeigen, dass Niedriglöhne ein relativ häufiges Phänomen sind - auch wenn deren Ausmaß zwischen den einzelnen Ländern schwankt und von der jeweils zu Grunde gelegten Definition abhängt. Aus unten stehender Tabelle 1 ist der Anteil aller Arbeitnehmer ersichtlich, die nach den in jedem Land üblichen Definitionen zu den Geringverdienern zählen, wobei die Angaben jeweils aus dem zuletzt untersuchten Jahr stammen.

Da die Definitionen erheblich voneinander abweichen, kaum Forschungsergebnisse vorliegen und die zu Grunde liegenden Jahre unterschiedlich sind, ist ein strenger Vergleich der nationalen Angaben zur Häufigkeit von Niedriglöhnen in den einzelnen Ländern nicht möglich. Infolgedessen wurde die Tabelle um Zahlen ergänzt, die im Jahr 2000 von Eurostat nach einer einheitlichen Methode ermittelt wurden (Statistik kurz gefasst, Bevölkerung und soziale Bedingungen Nr.11/2000, Niedriglöhne in den Ländern der EU). Diesen Zahlen zufolge sind Personen mit einem Monatslohn von unter 60% des medianen nationalen Lohnes Niedriglohnempfänger. Des Weiteren beruhen die Zahlen auf der Erhebungswelle 1996 des Europäischen Haushaltspanels (ECHP). Von Belgien, Dänemark, Finnland, Luxemburg, den Niederlanden oder Schweden liegen keine relevanten Angaben aus nationalen Quellen vor und für Finnland und Schweden (die infolgedessen nicht in der Tabelle aufgeführt sind) gibt es keine Angaben von Eurostat. Im Allgemeinen sind in den untersuchten Ländern zwischen 10% und 20% aller Arbeitnehmer Niedriglohnempfänger. In seiner Untersuchung hat Eurostat den Durchschnitt für die 13 Länder auf 15% festgelegt - d. h. nahezu jeder siebte Arbeitnehmer. Im Vereinigten Königreich ist jeder fünfte Arbeitnehmer betroffen, während Irland, Deutschland und Griechenland ebenfalls einen hohen Anteil an Niedriglöhnen aufweisen. Der niedrigste Anteil wird in Portugal verzeichnet (etwa jeder 17. Arbeitnehmer), gefolgt von Dänemark und Belgien.

Tabelle 1. Häufigkeit von Niedriglöhnen in der EU und Norwegen
Land (Jahr) Nationale Statistiken Eurostat-Statistiken*
. Niedriglohn- empfänger in % aller Arbeitnehmer Definition Bemerkungen .
Österreich (1993) 13,2% Weniger als zwei Drittel des medianen Lohns von Vollzeitbeschäftigten. Zahlen betreffen nur Vollzeitbeschäftigte. 22,8% für Frauen, 7,0% für Männer, höchster Anteil (19,5%) bei Arbeitnehmern unter 25 Jahren. 16%
Belgien - - - 9%
Dänemark - - - 7%
Frankreich (2001) 16,6% Alle Niedriglohnempfänger - d. h. mit einem Lohn von weniger als zwei Drittel des medianen Monatslohns. 79% aller Niedriglohnempfänger sind Frauen. Der höchste Anteil findet sich unter Teilzeitbeschäftigten und der Altersgruppe zwischen 16 und 20. 13%
(2001) 9,4% Niedriglohnempfänger mit äußerst geringem Lohn - d. h. weniger als die Hälfte des medianen Monatslohns. 80% aller Niedriglohnempfänger mit äußerst geringem Lohn sind Frauen. Der höchste Anteil findet sich unter Teilzeitbeschäftigten und der Altersgruppe zwischen 16 und 20.
Westdeutschland (1997) 35,5% Einkommen unter 75% des durchschnittlichen nationalen Lohns aller Vollzeitbeschäftigten. Zahlen betreffen nur Vollzeitbeschäftigte. 17% (ganz Deutschland)
(1997) 11,5% Einkommen unter 50% des durchschnittlichen nationalen Lohns aller Vollzeitbeschäftigten. Zahlen betreffen nur Vollzeitbeschäftigte.
Ostdeutschland (1997) 35,6% Einkommen unter 75% des durchschnittlichen nationalen Lohns aller Vollzeitbeschäftigten. Zahlen betreffen nur Vollzeitbeschäftigte.
(1997) 9,5% Einkommen unter 50% des durchschnittlichen nationalen Lohns aller Vollzeitbeschäftigten. Zahlen betreffen nur Vollzeitbeschäftigte.
Griechenland (1995) 16,1% Weniger als zwei Drittel des medianen Bruttomonatslohns. 19,8% auf dem Dienstleistungs- und 14,3% auf dem Industriesektor. 17%
Irland (1997) 22,0% Niedriglohnempfänger - d. h. mit einem Verdienst von weniger als zwei Drittel des medianen Einkommens. - 18%
(1997) 11,0% Niedriglohnempfänger mit äußerst geringem Lohn - d. h. mit einem Verdienst von weniger als der Hälfte des medianen Einkommens. -
Italien (1998) 18,3% Weniger als zwei Drittel des medianen Verdienstes aller Vollzeitbeschäftigter. Zahlen betreffen alle Arbeitnehmer. 25,9% für Frauen, 13,0% für Männer. Höchster Anteil bei Arbeitnehmern unter 30 Jahren. 10%
Luxemburg - - - 16%
Niederlande - - - 16%
Norwegen (1999) 22,0% Weniger als 85% des durchschnittlichen Stundenlohns von Arbeitern auf dem Produktionssektor. 30% für Frauen, 14% für Männer. -
Portugal (1998) 11,6% Weniger als zwei Drittel des medianen Jahresverdiensts von Vollzeitbeschäftigten. - 6%
Spanien (Zeitpunkt unbekannt) 22,0% Weniger als 75% des Durchschnittslohns. - 13%
UK (2001) 1,3% Einkommen unter dem nationalen Mindestlohn. - 21%
(2001) 17,3% Weniger als die Hälfte des medianen Einkommens von Männern (nach der Definition der Low Pay Commission). -
(2001) 27,6% Weniger als die Hälfte des medianen Einkommens von Männern (nach der Definition der Low Pay Unit). -

*Monatslohn von weniger als 60% des medianen nationalen Lohns.

Quellen: Einzelheiten zu den Quellen für die nationalen Statistiken finden sich unter den nationalen Inputs für diese Vergleichsstudie, die unter www.eurofound.europa.eu/eiro abrufbar sind. Die Eurostat-Statistiken stammen aus Statistik kurz gefasst, Bevölkerung und soziale Bedingungen Nr. 11/2000.

Wann immer solche Angaben aus nationalen Quellen verfügbar sind, liegt es auf der Hand, dass Frauen wesentlich häufiger Niedriglöhne erhalten als Männer. Den Eurostat-Zahlen zufolge sind 77% aller Niedriglohnempfänger Frauen - in Österreich beträgt dieser Anteil sogar 86%, während er sich in den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich auf 81% beläuft. Der geringste Anteil von Frauen unter Niedriglohnempfängern ist in Griechenland (51%) und Italien (60%) zu finden.

Informationen zu Quellen, Geltungsbereich und Aussagekraft der Niedriglohn-Statistiken in den einzelnen untersuchten Ländern sind im Anhang am Ende dieser Studie aufgeführt.

Tendenzen bei Niedriglöhnen

Auf Grund des Mangels entsprechender Statistiken in manchen Ländern ist es schwierig, in diesen Fällen Tendenzen bezüglich der Häufigkeit von Niedriglöhnen zu bewerten. Darüber hinaus sind die hierbei vorliegenden Angaben zumeist nicht auf dem neuesten Stand. Wann immer Informationen verfügbar sind, ergeben sich für Europa verschiedene Gegebenheiten. Es hat den Anschein, als hätte die Häufigkeit von Niedriglöhnen - wenn auch nicht immer einheitlich - in den letzten 10 bis 20 Jahren in Ländern wie Österreich, Belgien, Frankreich, Deutschland, Irland, Italien und Spanien zugenommen. Beispiel:

  • In Frankreich ist der Anteil von Niedriglohnempfängern von 11,4% im Jahr 1983 auf 13,4% im Jahr 1989 angestiegen und von 15,7% in 1990 kletterte dieser Wert bis 2001 auf 16,6%. Auch wenn dieser Anstieg unregelmäßig verlief, dauerte er bis 1995 praktisch ununterbrochen an; damals erreichte der Anteil mit 18,4% den höchsten Stand des Jahrzehnts, bis er 1999 wieder fiel. Bei Niedriglohnempfängern mit äußerst geringem Lohn verlief dieser Anstieg sogar noch steiler; diese Gruppe wuchs zwischen 1983 und 1998 rapide von 5% auf 10,6%, bis sie 2001 wieder auf einen Anteil von knapp über 9% absank. Mit anderen Worten, gab es damit nicht nur einen Anstieg der Anzahl von Niedriglohnempfängern, sondern innerhalb dieser Gruppe ebenfalls einen Anstieg des Anteils von Niedriglohnempfängern mit äußerst geringem Lohn;
  • in Deutschland kam es zwischen 1975 und 1986 zu einer erheblichen Zunahme des prozentualen Anteils von Arbeitnehmern, die weniger als 75% des durchschnittlichen nationalen Lohns aller Vollzeitbeschäftigten verdienen. Seit damals hat die Häufigkeit von Niedriglöhnen zugenommen, zwischen 1986 und 1997 wurde allerdings eine erhebliche Verlangsamung verzeichnet;
  • in Italien ging die Häufigkeit von Niedriglöhnen Anfang der 80er-Jahre stark zurück, bis sie im Laufe des Jahrzehnts geringfügig anstieg und 1989 wieder absank. 1993 wuchs sie auf 15,7% an, ging aber 1995 wieder auf 13,7% zurück und kletterte 1998 auf 18,3%.

Gleichwohl ist dieser erhöhte Zuwachs von Niedriglöhnen nicht in allen Ländern zu beobachten. So scheint die Lage in Dänemark stabil zu sein, während der Anteil von Niedriglohnempfängern in Norwegen (insbesondere unter weiblichen und in gewissem Maße auch unter männlichen Lohnempfängern) und Portugal offensichtlich gefallen ist (in diesem Land erreichte die Häufigkeit von Niedriglöhnen 1993 mit 15,5% einen Höchststand, ist seit damals aber gesunken und erreichte 1998 11,6%). Im Vereinigten Königreich ist die Anzahl von Niedriglohnempfängern im Laufe der 80er- und während der meisten Zeit der 90er-Jahre erheblich gewachsen. Auf Grund der Einführung des nationalen Mindestlohns im Jahr 1999 ist die Anzahl von Niedriglohnempfängern mit äußerst geringem Einkommen jedoch erheblich zurückgegangen.

Wie viel verdienen Niedriglohnempfänger?

Die verschiedenen Definitionen von Niedriglöhnen als Anteil des nationalen medianen bzw. durchschnittlichen Lohnes sagen nichts darüber aus, wie hoch Niedriglöhne in jedem Land tatsächlich sein können. Zwar können nationale Statistiken und Forschungsergebnisse nur selten zu einer exakten Berechnung des Verdienstes von Niedriglohnempfängern herangezogen werden, doch gibt es eine Reihe von Methoden, die eine grobe Einschätzung ermöglichen könnten (wie z. B. Mindestlohntarife oder die Anwendung der einzelnen Schwellenwerte zur Definition von Niedriglöhnen auf die durchschnittlichen Verdienstzahlen). Beispiel:

  • Im Jahr 2000 verdienten etwa 30% aller österreichischen Arbeitnehmer (einschließlich Arbeitnehmer in atypischen und Teilzeitbeschäftigungsverhältnissen) pro Jahr unter 12.831 EUR brutto. Unter allen voll sozialversicherten Arbeitnehmern betrug der monatliche mediane Bruttoverdienst 1997 (einschließlich aller Zusatzzahlungen) für Frauen 1.330 EUR (ATS 18.300) und für Männer 1.840 EUR (ATS 25.300), während der Bruttomonatsverdienst der 20% Frauen mit dem geringsten Einkommen einen medianen Wert von 530 EUR (ATS 7.300) erreichte; die entsprechende Zahl für männliche Arbeitnehmer lag bei 930 EUR (ATS 12.800).
  • Belgien hat ein 'garantiertes monatliches Mindesteinkommen' (Revenu minimum mensuel moyen garanti, RMMMG) - hierbei handelt es sich um einen Mindestlohn, den Arbeitgeber auf dem privaten Sektor Vollzeitbeschäftigten während eines durchschnittlichen Monats zu zahlen haben. 2002 betrug das RMMMG monatlich 1.163,02 EUR;
  • sofern die Niedriglohnschwelle 60% des medianen Stundenlohns beträgt, ergibt dies in Dänemark einen Stundenlohn von 103 DKK (13,85 EUR). Im Vergleich dazu betragen der tarifvertraglich vereinbarte Mindeststundenlohn durchschnittlich 85 DKK (11,40 EUR) und der höchste Arbeitslosengeldsatz pro Stunde 82 DKK (11 EUR);
  • 2001 betrug das durchschnittliche monatliche Bruttoeinkommen von Vollzeitbeschäftigten (einschließlich angestellter Manager) in West-Deutschland 2.706 EUR und in Ostdeutschland 1.817 EUR. Werden 75% dieses Betrags als Schwelle für Niedriglohn angesehen, ergibt sich für Westdeutschland eine Zahl von 2.029 EUR und für Ostdeutschland 1.363 EUR. Eine Schwelle für sehr niedrige Löhne von 50% setzt diesen Wert in Westdeutschland auf 1.329 EUR und in Ostdeutschland auf 909 EUR herab. Nach einer auf der Lohnverteilung in Deutschland beruhenden Berechnung beträgt der Durchschnittslohn von Niedriglohnempfängern (nach der deutschen Definition) 55% des Durchschnittslohns bzw. monatlich 1.485 EUR;
  • in Griechenland wurde der Durchschnittslohn für 1995 auf 367 EUR monatlich beziehungsweise auf 2,8 EUR pro Stunde festgelegt;
  • in Irland entspricht ein Niedriglohn an der Schwelle von zwei Dritteln des Durchschnittsverdienstes einem Wochenverdienst von etwa 200 EUR;
  • in den Niederlanden können Niedriglöhne am besten anhand des gesetzlichen Mindestlohns ermittelt werden. So belief sich der jährliche Bruttomindestlohn für Arbeitnehmer ab 23 Jahren und älter 1999 auf 13.975 EUR (was ca. 60% des Durchschnittslohns entsprach). Etwa 1,86 Millionen Arbeitnehmer verdienten während eines ganzen Jahres weniger als diese Summe - dies entspricht etwa 30% aller Arbeitnehmer;
  • in Portugal wurde für 1998 ein durchschnittlicher Niedriglohn von monatlich 325 EUR errechnet;
  • in Schweden finden sich die niedrigsten Löhne auf dem lokalen öffentlichen Sektor (Schulen, Kindertagesstätten, Altenpflegezentren, Krankenhäuser usw.), wo der monatliche Durchschnittslohn 2001 1.545 EUR betrug; dies sind etwa 70% des Durchschnittslohns aller Arbeitnehmer, der sich auf 2.164 EUR belief (einschließlich Arbeiter, Angestellter und Akademiker).

Führen Niedriglohnjobs zu besser bezahlten Arbeitsstellen?

Oft wird argumentiert, dass Niedriglohnjobs zu besser bezahlten Arbeitsstellen führen und Arbeitnehmern mit geringer Qualifikation bzw. wenig Berufserfahrung als Sprungbrett in die Arbeitswelt dienen. In einigen Fällen scheint dies durch nationale Gegebenheiten bestätigt zu werden. Beispielsweise ging in Dänemark aus einer zwischen 1980 und 1990 durchgeführten Studie zu 'individueller Lohnmobilität' hervor, dass Arbeitnehmer in Niedriglohnjobs relativ schnell von den untersten zu den obersten Dezilen in der Lohnverteilung geraten. Weniger als 20% verbleiben mehr als vier Jahre in den untersten Dezilen. Hieraus ergab sich die Schlussfolgerung, dass es zur späteren Einstellung in bessere Beschäftigungsverhältnisse wichtig ist, zunächst einen Niedriglohnjob anzunehmen und dass das Risiko eines Verbleibs in Niedriglohnjobs gering ist.

Gleichwohl widerlegen Erkenntnisse aus einer Reihe anderer Länder, dass Niedriglohnjobs als Sprungbrett in höhere Segmente des Arbeitsmarkts dienen. Beispiel:

  • in Frankreich ging der Anstieg der Anzahl von Niedriglohnempfängern in den letzten Jahren mit dem Anstieg des Risikos einher, zumindest kurzfristig Niedriglohnempfänger zu bleiben. Darüber hinaus hat das Hin und Her zwischen Arbeitslosigkeit und Niedriglohnjobs zugenommen. Der prozentuale Anteil von Arbeitnehmern, die entweder stets einem Niedriglohnjob nachgingen oder arbeitslos waren, hat sich zwischen 1983 und 2000 fast verdoppelt, wobei dieser zwischen 1983 und 1985 auf 7,3% stehende Wert bis zum Zeitraum zwischen 1998 und 2000 auf 14,1% angestiegen ist;
  • obwohl im Vereinigten Königreich eine Reihe von Niedriglohnjobs mit jungen Arbeitnehmern (einschließlich Studenten, die in besser bezahlte Jobs wechseln, und anderen, die ihre Positionen über Dienstalter und Erfahrung verbessern) in Verbindung gebracht werden, zeigen dort Forschungsergebnisse, dass Arbeitnehmer mit Niedriglohnjobs eher zu Arbeitslosigkeit und einem Verbleib in Niedriglohnjobs neigen. Aus einer zwischen 1991 und 1994 durchgeführten Studie ging hervor, dass 56% aller Männer, die ihren Arbeitslosenstatus beenden, in Arbeitsstellen wechseln, deren Löhne in den unteren 25% der Einkommensverteilung anzusiedeln sind. Für die Hälfte dieser im Jahr 1991 in den unteren 25% anzusiedelnden Männer hatte sich 1994 nichts geändert, 13% waren arbeitslos und nur 6% befanden sich in der oberen Hälfte der Einkommensverteilung. 44% der im Jahr 1991 in den unteren 25% anzusiedelnden Frauen waren drei Jahre später noch immer in diesem unteren Viertel, 22% waren arbeitslos und 10% befanden sich in der oberen Hälfte der Einkommensverteilung. Die Hälfte aller Männer, die ständig zu den unteren 25% gehörten, waren gering qualifiziert und/oder jung;
  • Forschungsergebnissen aus Portugal zufolge waren 1996 40% aller Niedriglohnempfänger auch 1991 in dieser Gruppe, wohingegen 60% der 1991 zu den Niedriglohnempfängern gehörenden Personen 1996 keine Niedriglöhne mehr erhielten;
  • in Österreich gibt es nur wenig Belege dafür, dass Niedriglohnjobs vermehrt zu besser bezahlten Arbeitsstellen führen, wobei Niedriglöhne mit geringen Qualifikationen und Unterbrechungen der beruflichen Laufbahn verknüpft sind. Nach einer 1977 bis 1996 durchgeführten Längsschnittanalyse der Lohnmobilität ab dem ersten Einstieg von Arbeitnehmern in den Arbeitsmarkt sind insbesondere weibliche Niedriglohnempfänger (in den untersten 20% der Lohnverteilung) nicht in der Lage gewesen, ihre Position erheblich zu verbessern;
  • gemäß einer Analyse des Zeitraums zwischen 1975 und 1993 scheint der Status von Niedriglohnempfängern in Italien relativ beständig zu sein; 50% der Personen, die zu Beginn dieses Zeitraums im untersten Dezil der Lohnverteilung anzusiedeln waren, waren dort auch am Ende des Zeitraums zu finden. Dieser Prozentsatz steigt auf 60% an, falls beide unteren Dezile berücksichtigt werden. Einer anderen Studie zufolge gelingt einem erheblichen Anteil der Arbeitnehmer im unteren Dezil im Laufe der Zeit der Ausstieg. Gleichwohl schlägt bei diesem Ausstieg ein nicht unwesentlicher Anteil arbeitslos werdender Niedriglohnempfänger zu Buche (dies lässt darauf schließen, dass zwischen Niedriglohnjobs und Arbeitslosigkeit ein 'Teufelskreis' bestehen könnte).

Zu Niedriglöhnen führende Faktoren

Allgemeine Faktoren, die zu Niedriglohnjobs führen, sind einerseits Teilzeitarbeit und andererseits niedrige Stundenlöhne. Nach der oben aufgeführten Eurostat-Untersuchung liegen die Gründe für niedrige Bezahlung in erster Linie im 'Teilzeiteffekt' und dem 'Niedrigentgeltsatz-Effekt', wobei ersterer 43% der Niedriglohnjobs in den 13 untersuchten EU-Ländern und der zweite 37% verursacht. Eine Kombination beider Effekte ist für 11% der Niedriglohnjobs verantwortlich - nur 8% aller Niedriglohnjobs werden von keinem der beiden Effekte verursacht.

Nichtsdestoweniger verbergen sich hinter diesen Faktoren Fragen im Zusammenhang mit den individuellen Merkmalen von Niedriglohnempfängern, den Sektoren und Unternehmen, in denen sie arbeiten, und der Art der von ihnen ausgeübten Arbeit. In allen untersuchten Ländern weisen Niedriglohnempfänger trotz der großen Unterschiede bezüglich der allgemeinen Häufigkeit von Niedriglöhnen gemeinsame Merkmale auf. Die gängigsten, zu Niedriglöhnen führenden Faktoren sind: Größe des Unternehmens (die oft im Zusammenhang mit Präsenz und Stärke von Gewerkschaften steht); Sektor/Industrie; Beruf; Eigentumsverhältnisse im Unternehmen (staatlich, privat, 'dritter' Sektor); Familienstand, Geschlecht, Alter, Ausbildung und Qualifikation des Arbeitnehmers sowie Typ des Arbeitsvertrags und des Beschäftigungsverhältnisses. Beispielsweise nimmt die Häufigkeit niedriger Stundenlöhne im Allgemeinen mit zunehmendem Alter ab und unterscheidet sich zwischen den Geschlechtern. Bei Untersuchung der einzelnen Sektoren zeigt sich, dass Niedriglohnsektoren häufig in Dienstleistungsbranchen privater Anbieter mit vorwiegend weiblichen Arbeitnehmern sowie in lokalen öffentlichen Verwaltungen und Tätigkeiten in 'öffentlichen Versorgungsbetrieben' zu finden sind (z. B. Betreuung von Kindern, Alten und Behinderten, Reinigungsdienste usw.). Niedriglöhne betreffen insbesondere zumeist Frauen, junge Menschen, Hilfsarbeiter, befristet beschäftigte Arbeitnehmer, Auszubildende, Arbeitnehmer mit niedrigem Dienstalter, arbeitende Rentner, Studenten, Witwer, geschiedene bzw. allein stehende Personen und Immigranten.

Inwieweit sich jeder der oben genannten Faktoren auf Ausmaß und Dauer von Niedriglöhnen auswirkt, ist wie aus unten stehender Tabelle 2 ersichtlich von Land zu Land unterschiedlich (für Luxemburg liegen keine Angaben vor).

Tabelle 2. Niedriglohnfaktoren
Land Hauptfaktoren
Österreich Zu den Sektoren mit den niedrigsten Löhnen zählen Landwirtschaft, Hotel und Gastronomie, Lederherstellung, öffentliche und private Dienstleistungen sowie die Textilindustrie. Auch eine nur geringe Größe des Unternehmens kann hierbei eine wesentliche Rolle spielen (auf Grund einer geringeren Präsenz von Gewerkschaften und einer eingeschränkten Verhandlungsmacht). Infolge niedriger Produktivität und der schwachen Position von Gewerkschaften werden in zahlreichen Branchen des privaten Dienstleistungssektors selbst Vollzeitbeschäftigten Niedriglöhne gezahlt. Die wichtigsten individuellen Faktoren, die zu Niedriglöhnen führen, sind Geschlecht (wobei insbesondere Frauen schlecht bezahlt werden), Familienstand (mit Niedriglöhnen für allein erziehende Mütter), niedriges Bildungsniveau und geringe Qualifikation und Nationalität (viele Immigranten erhalten Niedriglöhne).
Belgien Niedriglöhne sind besonders üblich unter gering qualifizierten Arbeitnehmern und Frauen sowie auf dem unproduktiven gemeinnützigen Sektor.
Dänemark Zu Faktoren, die Niedriglöhne begünstigen, zählen Sektor/Industrie,Beruf, Geschlecht (Frauen werden häufiger schlecht bezahlt) sowie niedriges Bildungsniveau und geringe Qualifikation. Niedriglohnsektoren und -berufe sind zu finden in den Bereichen: Einzelhandel, Reinigungsdienste, Aushilfskinderbetreuung (im öffentlichen Sektor), Hotels und Gaststätten (bzw. im gesamten Tourismus), Fließbandarbeit in der Elektronikindustrie (zumeist weibliche Arbeitnehmer) und gewisse Hilfsarbeiterstellen im Bausektor.
Finnland Niedriglohnjobs finden sich insbesondere im Dienstleistungssektor sowie im öffentlichen Sektor und betreffen insbesondere Arbeitnehmer in Leiharbeit.
Frankreich Das Risiko, einem Niedriglohnjob nachzugehen, hängt in erster Linie mit den Merkmalen der ausgeübten Tätigkeiten zusammen. Teilzeitstellen treffen auf 77% aller Niedriglohnempfänger zu, während befristete Stellen und im Rahmen von Beschäftigungsprogrammen geschaffene Stellen überrepräsentiert sind. Beamte zählen seltener zu Niedriglohnempfängern, während Angestellte des Handels- und Dienstleistungssektors sowie ungelernte Arbeitnehmer einem höheren Niedriglohnrisiko ausgesetzt sind. Was die persönlichen Profile angeht, findet sich die große Mehrheit von Niedriglohnempfängern unter Frauen, jungen Menschen und Arbeitnehmern mit geringer Qualifikation.
Deutschland Die Wahrscheinlichkeit, einen Niedriglohn zu erhalten, hängt zu nahezu gleichen Teilen von den beiden Faktoren Teilzeitarbeit und niedriger Stundenlohn ab. Unter den Faktoren, die einen niedrigen Stundenlohn bewirken, scheinen Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor, Geschlecht (Frauen stellen den Großteil der Niedriglohnempfänger dar) und ein niedriges Bildungsniveau eine wesentliche Rolle zu spielen. Ein in Deutschland besonders wichtiger regionaler Faktor ist die Divergenz zwischen West- und Ostdeutschland, wobei es sich bei letzt genannter Region möglicherweise annähernd um eine Niedriglohnregion handelt.
Griechenland Faktoren im Zusammenhang mit Niedriglöhnen sind Alter (junge Arbeitnehmer sind öfter betroffen), Anstellungsdauer, geringes Bildungsniveau, niedrige Dichte der Gewerkschaftszugehörigkeit im Unternehmen, Geschlecht (Frauen erhalten häufiger eine schlechte Bezahlung), Familienstand (allein stehende Arbeitnehmer sind unter Niedriglohnempfängern überrepräsentiert), befristete Arbeitsverträge, Teilzeitarbeit, schlecht bezahlte Tätigkeiten und Sektoren, niedrige hierarchische Position, kein Zugang zu Überstunden und Schichtarbeit sowie kleine Unternehmensgröße.
Irland Merkmale zur Unterscheidung von Niedriglohnempfängern von sonstigen Arbeitnehmern sind Teilzeitbeschäftigung und ein Alter von unter 25 Jahren. Zwar besteht zwischen Männern und Frauen unter 25 kein unterschiedliches Risiko, doch Frauen oberhalb dieser Altersgruppe sind einem wesentlich höheren Niedriglohnrisiko ausgesetzt als Männer, wobei insbesondere verheiratete Frauen häufig Niedriglöhne erhalten. Das Niedriglohnrisiko hängt ebenfalls eng mit Bildungsabschlüssen und Qualifikationen zusammen, auch wenn dies in den einzelnen Altersgruppen unterschiedlich ausfällt. Es gibt zahlreiche Anhaltspunkte dafür, dass die Schere zwischen besser und weniger gut qualifizierten bzw. ausgebildeten Arbeitnehmern immer weiter auseinander driftet. Ebenso fällt das Niedriglohnrisiko in den einzelnen Industriezweigen und Berufen unterschiedlich aus und ist im Einzelhandel und bei Personaldiensten besonders hoch.
Italien Forschungsergebnisse belegen, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Niedriglohn zu erhalten für Frauen, Arbeitnehmer mit manuellen Tätigkeiten, junge Menschen, gering qualifizierte Arbeitnehmer sowie Arbeitnehmer in kleineren Unternehmen höher ist. Die beiden Sektoren Einzelhandel und Personaldienste weisen einen überdurchschnittlichen Anteil von Niedriglohnjobs auf. Bei einer Untersuchung der Regionen zeigt sich, dass Arbeitnehmer in Süditalien häufiger Niedriglöhne erhalten als ihre Kollegen im Zentrum bzw. im Norden des Landes.
Niederlande Hauptfaktoren für Niedriglöhne sind das häufige Vorkommen von Teilzeitarbeit, die hohe Anzahl flexible Arbeitsverträge und die niedrigen gesetzlichen Mindestlöhne für junge Arbeitnehmer unter 23.
Norwegen Niedriglohnempfänger sind zumeist Frauen und junge Menschen. Die Lohnniveaus sind (im Durchschnitt) niedriger unter bestimmen Berufsgruppen mit geringer Qualifikation bzw. in bestimmten Sektoren/Industriezweigen- darunter insbesondere Hotels und Gaststätten, die Textilindustrie und einige Arbeitnehmergruppen im kommunalen Sektor.
Portugal Nach einer Studie aus dem Jahr 1996 sind die Hauptfaktoren für Niedriglöhne: Geschlecht (die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen einen Niedriglohn erhalten, ist zwei Mal so hoch wie bei Männern), Alter (Arbeitnehmer unter 25 sind besonders betroffen), niedriges Bildungsniveau und geringe Qualifikation, Anstellungsdauer beim Arbeitgeber (Arbeitnehmer mit einem Dienstalter von unter fünf Jahren neigen eher zu Niedriglöhnen) und geringe Unternehmensgröße.
Spanien Niedriglöhne hängen zumeist zusammen mit: Geschlecht (Frauen erhalten für die gleiche Arbeit oft eine schlechtere Bezahlung als Männer, wodurch sie beruflich gesehen benachteiligt und in Niedriglohnsektoren und zeitlich befristeten Stellen überrepräsentiert sind), befristete Beschäftigungsverhältnisse (von denen im vierten Quartal 2001 34,1% aller Lohnempfänger des privaten Sektors und 22,1% des öffentlichen Sektors betroffen waren), Teilzeitbeschäftigung (die an der gesamten Beschäftigung einen Anteil von 8% aufweist), Leiharbeit und Ausbildungsverträge (die insbesondere unter jungen Leuten ohne Hochschulabschluss üblich sind).
Schweden Niedriglohnempfänger sind typischerweise weibliche Arbeitnehmer im lokalen öffentlichen Verwaltungssektor (häufig Teilzeitarbeitnehmer) und Arbeitnehmer im Hotel- und Gaststättensektor.
Vereinigtes Königreich Forschungsergebnisse aus dem Jahr 1997 belegen, dass folgende Gruppen unverhältnismäßig von Niedriglöhnen betroffen sind: Frauen, junge Menschen, ethnische Minderheiten, Arbeitnehmer mit langfristigen Behinderungen, Teilzeitarbeitnehmer, alleinerziehende Elternteile, Saisonarbeiter, Gelegenheitsarbeitnehmer, Leiharbeitnehmer und Heimarbeitnehmer. Charakteristisch für Niedriglohnjobs sind: manuelle Arbeit, Tätigkeiten im privaten bzw. freiwilligen Sektor und im Einzelhandels- und Großhandelssektor, in Unternehmen ohne gewerkschaftliche Anerkennung sowie in kleinen Unternehmen (mit weniger als 25 Arbeitnehmern). Die Hälfte aller Niedriglohnjobs finden sich in folgenden Bereichen: Einzelhandel, Unternehmensdienste (Reinigungs- und Sicherheitsverträge), soziale Betreuung, Friseurberufe, Hotel- und Gaststättengewerbe, Landwirtschaft sowie beiBekleidung und Schuhen. Nach einer anderen, im Jahr 1998 in Betrieben mit über 25 Arbeitnehmern durchgeführten Studie erhalten auf dem privaten Sektor in 13% aller Betriebe mehr als ein Viertel der Arbeitnehmer Niedriglöhne (Schwellenwert ist hierbei ein Stundenlohn von unter 5,53 EUR). Sofern mehr Frauen zum Personal gehörten und Teilzeitarbeitnehmer in der Mehrheit waren, war dieser Wert noch höher. Aus einer weiteren, auf denselben Angaben beruhenden Studie ging hervor, dass Niedriglohnempfänger häufiger in Unternehmen des privaten Sektors anzutreffen sind, die Produkte für hart umkämpfte Märkte herstellen und über wenige Einrichtungen für kollektive Arbeitsbeziehungen verfügen.

Quelle: EIRO.

Aus Tabelle 3 sind die potenziellen Gründe ersichtlich, aus denen die am häufigsten vorkommenden aufgeführten Faktoren - sowohl in Bezug auf die persönlichen Merkmale der Arbeitnehmer als auch auf die Art ihrer Arbeit und die Beschaffenheit der Arbeitsbeziehungen - zu Niedriglöhnen beitragen können.

Tabelle 3. Potenzielle Gründe für den Einfluss bestimmter Faktoren auf Niedriglöhne
Faktor Mögliche Auslegung
Persönliche Eigenschaften .
Alter des Arbeitnehmers Jüngere Arbeitnehmer haben weniger Berufserfahrung.
Ausbildungsniveau Arbeitnehmer mit niedrigem Ausbildungsniveau und geringer Qualifikation verfügen über weniger Wissen bzw. Fähigkeiten und sind nicht so produktiv.
Anstellungsdauer beim selben Arbeitgeber Arbeitnehmer mit geringerem Dienstalter haben weniger aktuelle Berufserfahrung.
Familienstand Der Familienstand kann die sozialen Fähigkeiten des Arbeitnehmers beeinflussen.
Geschlecht und Staatsangehörigkeit Weibliche und ausländische Arbeitnehmer können Geschlechter- und Rassendiskriminierung ausgesetzt sein.
Merkmale des Arbeitsplatzes und Arbeitsbeziehungen .
Überstunden und Schichtarbeit Ein fehlender Zugang zu diesen Arbeitsformen verringert die Möglichkeiten eines Arbeitnehmers, sein Einkommen zu erhöhen.
Hierarchische Position Arbeitnehmer, die keine anderen Arbeiter beaufsichtigen, erhalten keine entsprechenden Zusatzzahlungen.
Präsenz und Stärke von Gewerkschaften am Arbeitsplatz und die entsprechende Verhandlungsebene (sektoral und unternehmensintern). Diese Faktoren können das Kräftegleichgewicht zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern am Arbeitsplatz sowohl individuell als auch kollektiv beeinflussen.
Befristete Arbeitsverträge und Saisonarbeit
Größe des Unternehmens
Privater Sektor
Lokaler öffentlicher Verwaltungssektor, 'dritter Sektor', Einzel- und Großhandel, Hotels und Gaststätten, Reinigungsbetriebe, Sicherheitsdienste, Bekleidung und Schuhe sowie Personaldienste. Arbeitsplätze auf diesen Sektoren können niedrige Produktivität aufweisen.
Teilzeitarbeit Weniger Arbeitsstunden führen insgesamt zu einer geringeren Bezahlung.
Im Rahmen staatlicher Beschäftigungsprogramme geschaffene Stellen, Leih- und Heimarbeit Diese Beschäftigungsform kann einen außergewöhnlich niedrigen Stundenlohn und eine geringe Produktivität aufweisen.

Niedrige Löhne und niedrige Produktivität

Hinsichtlich der Frage, ob Niedriglohnjobs insbesondere in Sektoren mit geringer Produktivität zu finden und Niedriglohnempfänger in Bereichen mit höherer Produktivität und 'wissensbasierten' Tätigkeiten beschäftigt sein können, belegen die Fakten aus den einzelnen Staaten zumeist, dass Niedriglöhne im Allgemeinen mit niedriger Produktivität einhergehen.

Aus Ländern wie Österreich, Finnland, Griechenland, Irland, Italien, den Niederlanden, Portugal (wo niedrige Produktivität ein Merkmal der gesamten Wirtschaft ist), Spanien und dem Vereinigten Königreich wird berichtet, dass Niedriglöhne normalerweise an Tätigkeiten mit niedriger Produktivität geknüpft sind. Gleichwohl gibt es in vielen Fällen - wie z. B. in Dänemark, Deutschland und dem Vereinigten Königreich - viele Niedriglohnjobs auf dem Dienstleistungssektor, wo Produktivität schwer zu messen ist. Allerdings gibt es Ausnahmen von der Regel, der zufolge niedrige Löhne mit niedriger Produktivität einhergehen. So wird beispielsweise aus Dänemark und Deutschland berichtet, dass es zwischen niedrigen Löhnen und niedriger Produktivität keinen strikten Zusammenhang gibt.

Es scheint, als seien Niedriglohnempfänger nicht völlig von 'wissensbasierten' Tätigkeiten ausgeschlossen; dementsprechende Fakten werden aus Ländern wie Dänemark (wo zahlreiche Studenten und junge Leute in diesen Industriezweigen als Teilzeitarbeitnehmer beschäftigt sein können), Finnland, Portugal (z. B. junge Forscher) und dem Vereinigten Königreich berichtet (z. B. Lagerverwaltung und Gütertransport, Kundenservice und Call-Center).

Niedriglöhne und 'Arbeitnehmer mit Einkommen unter dem Existenzminimum'

Das Konzept der 'Arbeitnehmer mit Einkommen unter dem Existenzminimum'- d. h. Arbeitnehmer, die zwar einer Beschäftigung nachgehen, aber dennoch unter einer festgelegten Armutsschwelle bleiben - ist nicht identisch mit Niedriglohnjobs, obwohl diese selbstverständlich zum erst genannten Phänomen beitragen können. Beispielsweise können Niedriglohnempfänger in Haushalten mit anderen Einkommensquellen leben, wie zum Beispiel den Verdiensten anderer Haushaltsmitglieder oder Sozialleistungen, und damit Armut vermeiden. Einzelstaatliche Angaben zur Anzahl der 'Arbeitnehmer mit Einkommen unter dem Existenzminimum' in den untersuchten Ländern sowie zum Zusammenhang zwischen Niedriglöhnen und Armut unter der erwerbstätigen Bevölkerung sind nur eingeschränkt vorhanden. Nichtsdestoweniger enthält die oben erwähnte Eurostat-Studie zu diesen Aspekten einige Standardinformationen in Bezug auf 13 EU-Mitgliedstaaten (ohne Finnland und Schweden).

Die sich auf das Jahr 1996 beziehende Eurostat-Statistik gibt Hinweise zur Anzahl der 'Arbeitnehmer mit Einkommen unter dem Existenzminimum' in den 13 EU-Mitgliedstaaten - siehe unten stehende Tabelle 4 (eine Aufschlüsselung nach Geschlechtern liegt nicht vor). Aus der Tabelle geht der Anteil aller bezahlten Arbeitnehmer hervor (die mindestens 15 Stunden pro Woche arbeiten), die 'arm' sind, d. h. die ein 'Äquivalenzeinkommen' (das gesamte Haushaltseinkommen geteilt durch die Anzahl der Erwachsenenäquivalente im Haushalt) beziehen, das unter der Grenze von 60% des jeweiligen nationalen medianen Äquivalenzeinkommens liegt. Dadurch ergibt sich ein Hinweis auf den Anteil aller Arbeitnehmer, die zu den 'Arbeitnehmern mit Einkommen unter dem Existenzminimum' gehören. Ebenso zeigt die Tabelle den Anteil armer Niedriglohnempfänger (d. h. deren Monatslohn weniger als 60% des medianen nationalen Lohns beträgt) sowie den Anteil aller armen Arbeitnehmer, die Niedriglohnempfänger sind.

Tabelle 4. Arme Arbeitnehmer in der EU
Land Arme Arbeitnehmer in % aller Arbeitnehmer Arme Arbeitnehmer in % aller Niedriglohnempfänger Niedriglohnempfänger in % aller armen Arbeitnehmer
Österreich 6 16 40
Belgien 6 18 26
Dänemark 4 13 21
Frankreich 7 21 38
Deutschland 10 24 41
Griechenland 9 27 52
Irland 6 14 38
Italien 10 25 27
Luxemburg 8 18 38
Niederlande 7 15 33
Portugal 5 18 21
Spanien 9 19 28
Vereinigtes Königreich 7 15 44
EU-13 8 20 37

Hinweis: Für die Begriffsdefinitionen siehe Haupttext.

Quelle: Eurostat, Statistik kurz gefasst, Bevölkerung und soziale Bedingungen Nr. 11/2000.

Aus Tabelle 4 geht hervor, dass 8% aller Arbeitnehmer in den untersuchten EU-Ländern 'arm' sind, wobei der höchste Anteil von 'Arbeitnehmern mit Einkommen unter dem Existenzminimum' in Deutschland und Italien und die niedrigsten Anteile in Dänemark und Portugal verzeichnet werden. Wie bereits oben erwähnt, sind nationale Statistiken zu Arbeitnehmern mit Einkommen unter dem Existenzminimum selten und beruhen auf unterschiedlichen Definitionen; für einige wenige Länder sind jedoch entsprechende Informationen verfügbar:

  • Eine 1998 in Österreich durchgeführte Studie über Armut ergab einen hohen Anteil von 'Arbeitnehmern mit Einkommen unter dem Existenzminimum' unter armen Menschen. Mit Ausnahme von Rentnern waren fast 50% aller armen Menschen Lohnempfänger und 10% selbstständig. Darüber hinaus wird geschätzt, dass 25% aller ungelernten Arbeitnehmer, 14% aller Arbeiter und 8% aller Gehaltsempfänger Gefahr laufen, bei einer Akkumulation von Risikofaktoren von 'Verarmung' betroffen zu sein;
  • in Frankreich wurde die Anzahl armer Arbeitnehmer Mitte der 90er-Jahre - je nach der zu Grunde liegenden Definition - auf einen Wert zwischen 1,3 Millionen und 3,1 Millionen geschätzt. Zwar gibt es keine Statistiken, aus denen eine Änderung der Anzahl von Arbeitnehmern mit Einkommen unter dem Existenzminimum im Laufe der Zeit hervorgeht, doch lassen gewisse Anzeichen darauf schließen, dass die Anzahl dieser Arbeitnehmer insbesondere zwischen 1990 und 1995 gewachsen sein dürfte;
  • in Norwegen belegen Forschungsergebnisse, dass etwa 2% aller Vollzeit- und 4% aller Teilzeitbeschäftigen (bis zu 35 Stunden pro Woche) in 'armen Haushalten' leben (die Armutsschwelle liegt bei 50% des medianen verfügbaren Einkommens). Würden diese Schätzungen auf Einzelpersonen und nicht auf Haushalten beruhen, wäre der Anteil von Arbeitnehmern mit Einkommen unter dem Existenzminimum niedriger.

Bezüglich des Zusammenhangs zwischen Niedriglöhnen und Arbeitnehmern mit Einkommen unter dem Existenzminimum geht aus den Eurostat-Zahlen in oben stehender Tabelle 4 hervor, dass Niedriglohnempfänger wesentlich öfter zu Armut neigen als die gesamte erwerbstätige Bevölkerung - ca. 20% aller Niedriglohnempfänger werden als arm betrachtet (im Vergleich zu einem allgemeinen Anteil von 8%). Niedriglohnempfänger neigen am ehesten zu Armut in Griechenland, Italien und Deutschland, am wenigsten dagegen in Dänemark und Irland. Gleichwohl sind 80% aller Niedriglohnempfänger nicht arm. Darüber hinaus beträgt der Anteil von Niedriglohnempfängern an allen armen Arbeitnehmern in der EU nur 37%; dies lässt darauf schließen, dass 63% aller armen Arbeitnehmer nicht schlecht bezahlt werden. In Griechenland und dem Vereinigten Königreich weisen Niedriglohnempfänger den höchsten Anteil an allen armen Arbeitnehmern auf; dagegen ist dieser Anteil in Portugal und Dänemark am geringsten. In diesem Bereich gibt es in den einzelnen Mitgliedstaaten erhebliche Unterschiede.

Es liegt auf der Hand, dass zwischen Niedriglöhnen und Arbeitnehmern mit Einkommen unter dem Existenzminimum nicht unbedingt ein direkter Zusammenhang besteht; zahlreiche Niedriglohnempfänger sind nicht arm und umgekehrt. Unterstrichen wird dies durch die zu diesem Aspekt verfügbaren einzelstaatlichen Daten. Beispiel:

  • Die Mehrheit aller französischen Niedriglohnempfänger (zwischen 60% und 80% - je nach der zu Grunde liegenden Definition) ist nicht arm. Da Armut unter Arbeitnehmern wesentlich seltener vorkommt als Niedriglöhne - selbst wenn alle armen Arbeitnehmer Niedriglohnempfänger wären - läge die Armut unter allen Niedriglohnempfängern noch immer weit unter 40%;
  • irischen Forschungsergebnissen zufolge ist die Überlappung zwischen Niedriglöhnen und Armut geringer als zumeist angenommen. Nur eine kleine Minderheit von Niedriglohnempfängern befindet sich in Haushalten, die allgemein gesprochen als arm anzusehen wären. Zahlreiche als arm betrachtete Haushalte haben nicht ein einziges erwerbstätiges Mitglied. Dies ist Ausdruck eines Trends zu einer Polarisierung zwischen work-rich (zwei und mehr Verdiener) und 'work-poor (kein Verdiener)' Haushalten;
  • Niedriglöhne scheinen in Spanien nicht der Hauptgrund für Armut zu sein; auf Grund niedriger Renten und geringer Arbeitslosenunterstützung kommen Nichterwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit eine Schlüsselrolle zu. Nur 50% aller Arbeitslosen nehmen irgendeine Unterstützung in Anspruch und nur 50% der Empfänger erhalten ein Einkommen, das lediglich einem Drittel des Durchschnittslohns entspricht. Aus diesen Gründen besteht zwischen Armut und Niedriglöhnen nur ein geringer Zusammenhang - einzige Ausnahme hiervon sind die Haushalte alleinerziehender Elternteile, wo die einzige Einkommensquelle aus einem Niedriglohn besteht;
  • einer Studie aus dem Jahr 1997 zufolge lebten während der 70er- und der 80er-Jahre nur ca. 3% bis 4% aller gering verdienenden Arbeitnehmer im Vereinigten Königreich in einem 'armen Haushalt' (entspricht einem Einkommen von weniger als 50% des durchschnittlichen Haushaltseinkommens). Anfang der 90er-Jahre war dieser Anteil auf 13% angestiegen. Dabei handelte es sich zumeist um gering verdienende alleinerziehende Mütter und Paare mit nur einem Verdiener; insgesamt stellten diese rund 600.000 Arbeitnehmer mit Einkommen unter dem Existenzminimum und fast 3% aller Haushalte dar. In der Studie wurde geschätzt, dass etwa 87% der Niedriglohnempfänger keine Arbeitnehmer mit Einkommen unter dem Existenzminimum waren;

Die wichtigsten Faktoren, die verhindern, dass Niedriglohnempfänger in die Kategorie der Arbeitnehmer mit Einkommen unter dem Existenzminimum abrutschen, sind in den meisten Ländern: ein zweiter (oder mehr) Lohn, der von einem Partner oder einem anderen Haushaltsmitglied bezogen wird; Sozialleistungen, insbesondere Wohn- oder Kindergeld - neben Regelungen für ein Mindesteinkommen in bestimmten Ländern. In einigen südlichen Ländern ist die alte Tradition der Großfamilie ebenfalls ein wichtiger Faktor, wobei zwischen den einzelnen Mitgliedern eine starke Solidarität besteht (wie in Spanien und Griechenland); zusätzlich bestehen Immobilieneinnahmen (wie in Griechenland) bzw. Einnahmen aus Landwirtschaft oder ähnlichen Nebentätigkeiten in ländlichen Gegenden (wie in Portugal).

Mindestlöhne und Tarifpolitik

Aus oben stehenden Ergebnissen geht hervor, dass der Anteil von Niedriglohnempfängern in den meisten untersuchten Ländern trotz der großen Unterschiede zwischen Ländern und Sektoren relativ hoch ist, wobei den Eurostat-Zahlen zufolge in den EU-Ländern ein Durchschnitt von 15% erreicht wird Vor diesem Hintergrund werden Instrumente und Politiken zur Bekämpfung von Niedriglöhnen sowohl auf dem öffentlichen als auch auf dem privaten Sektor als notwendig erachtet. Berichterstatter sind sich darüber einig, dass unter solchen Instrumenten gesetzliche und institutionelle Rahmen zur Festlegung von Lohnschwellen besonders wichtig sind. Niedriglohnforscher führen hierbei insbesondere das Argument ins Feld, wonach Mindestlohnregelungen die Anzahl von Niedriglohnempfängern reduzieren; dies lässt den Schluss zu, dass es in Ländern mit Mindestlohn weniger Niedriglöhne geben dürfte.

Mindestlohnregelungen

In allen untersuchten Ländern bestehen Mindestlöhne in der ein oder anderen Form. Allerdings unterscheiden sich die Systeme erheblich und können grob in zwei Gruppen unterteilt werden.

In der ersten, neun Länder umfassenden Gruppe gibt es einen gesetzlich vorgeschriebenen nationalen Mindestlohn. So schreibt die Regierung in Frankreich, Irland, Luxemburg, den Niederlanden, Portugal, Spanien und dem Vereinigten Königreich einen gesetzlichen nationalen Mindestlohn auf Stunden-, Wochen- oder Monatsbasis vor; in zahlreichen Fällen erfolgt dies in Absprache mit den Sozialpartnern, wobei dieser Mindestlohn gesetzlich verankert ist. In Belgien wird der monatliche Mindestlohn (RMMMG) für den privaten Sektor durch ein sektorübergreifendes Tarifabkommen festgelegt, das vom Nationalen Arbeitsrat (Conseil National du Travail/Nationale Arbeidsraad, CNT/NAR) ausgehandelt wird und rechtsverbindlich ist. In Griechenland werden Mindestlöhne und Lohntarife für Arbeiter und Angestellte jeweils von den Sozialpartnern im Nationalen Manteltarifvertrag (EGSSE) festgeschrieben, der alle Arbeitnehmer des privaten Sektors abdeckt (GR0204109F). In allen diesen Ländern kann der gesetzliche Mindestsatz durch einen in Tarifverträgen festgelegten Mindestsatz ergänzt werden, obwohl Höhe und Abdeckung solcher Tarifverträge variieren - genau wie das Verhältnis der Mindestsätze, das auf die nationalen Mindesttarife übertragen wird.

In der zweiten Gruppe mit sieben Ländern - Österreich, Dänemark, Finnland, Deutschland, Italien, Norwegen und Schweden - gibt es zwar keinen nationalen Mindestlohn, doch legen hier sektorale Tarifverträge - implizit oder explizit - innerhalb ihres jeweiligen Geltungsbereichs Mindestentgeltsätze für Arbeitnehmer fest. Hierdurch kommt es in den einzelnen Sektoren zu einer Reihe unterschiedlicher Mindestlohntarife. Da sich die Auswirkungen dieser Mindesttarife unterscheiden, kann diese Ländergruppe noch einmal wie folgt aufgeteilt werden:

In Österreich, Finnland, Deutschland und Italien wird der Geltungsbereich tarifvertraglich vereinbarter Mindesttarife durch verschiedene Mittel verbessert. Beispielsweise haben Finnland und Deutschland Möglichkeiten, sektorale Abkommen auf Arbeitgeber und Arbeitnehmer des Sektors auszudehnen, die nicht zu den Unterzeichnerorganisationen gehören. Dabei soll mit dem deutschen System zur Ausdehnung über Abkommen, die für Nichtmitglieder 'allgemein bindend' (Allgemeinverbindlichkeitserklärung, AVE) sind, sichergestellt werden, dass Arbeitnehmer vor 'Lohndumping' und Arbeitgeber vor unlauterem Wettbewerb geschützt sind. 2002 wurden ca. 516 von etwa 55.000 registrierten Tarifverträgen ausgedehnt (verglichen mit 534 in 2001); die Anzahl aller ausgedehnten Lohntarifverträge stand 2001 bei 53 (verglichen mit 61 im Vorjahr). In Österreich wird ein großer Geltungsbereich sektoraler Abkommen und deren Mindestlohntarife dadurch gewährleistet, dass alle Arbeitgeber der Wirtschaftskammer, die Tarifverträge abschließt, angehören müssen (AT9912207F). Dem italienischen Fallrecht zufolge müssen tarifvertraglich vereinbarte sektorale Mindestentgeltsätze von Arbeitgebern angewandt werden, die kein Mitglied von Unterzeichnerorganisationen sind. Dagegen haben Dänemark, Norwegen und Schweden weder ein System zur Ausdehnung von Tarifverträgen noch sonstige vergleichbare Mechanismen.

Auch das Verhältnis zwischen den auf sektoraler Ebene vereinbarten Mindestentgeltsätzen und den tatsächlich gezahlten Löhnen unterscheidet sich zwischen den Ländern in dieser Gruppe. In Ländern wie Dänemark, Norwegen und Schweden sehen zahlreiche sektorale Tarifverträge neben zentralen Lohnsteigerungen ausdrücklich zusätzliche Verhandlungen auf lokaler Ebene vor, wobei die tatsächlichen Entgeltsätze durch relativ wenig sektorale Abkommen (wie in einigen Fällen in Dänemark und Norwegen) festgelegt werden. Einige Abkommen auf dem privaten Sektor in Norwegen umfassen 'Garantieklauseln' für Lohnkorrekturen, mit denen das Lohnniveau unter den Gruppen mit den niedrigsten Löhnen bzw. in Unternehmen mit dem niedrigsten Lohndurchschnitt angehoben werden soll. Sektorale Entgeltsätze werden in Ländern wie Österreich, Frankreich und Deutschland oft auch auf niedrigerer Ebene erhöht.

Auswirkungen auf Niedriglöhne

Insgesamt scheinen die Angaben aus den einzelnen Ländern die Aussage zu bestätigen, dass Mindestlohnsysteme die Zahl von Niedriglohnempfängern verringern. Offensichtlich gewährleistet ein Mindestlohn Arbeitnehmern, die ihn in Anspruch nehmen können, eine 'Lohngarantie'; ebenso kann er andere Lohntarife, die oberhalb des Mindesttarifs liegen (wie z. B. aus Luxemburg berichtet), nach oben drücken bzw. einen 'Anstoßeffekt' haben und damit auf Entgeltsätze in Bereichen einwirken, in denen der Mindestlohn nicht gilt (wie beispielsweise in Dänemark). Gleichwohl gibt es eine Reihe wichtiger Faktoren, die die Auswirkungen von Mindestlöhnen auf Niedriglöhne beeinflussen und im Folgenden untersucht werden. Nichtsdestoweniger sollte festgehalten werden, dass das Vorhandensein eines gesetzlich bzw. tarifvertraglich vereinbarten Mindestlohns in allen untersuchten Ländern das Fortbestehen von Niedriglöhnen unter großen Arbeitnehmergruppen (insbesondere Frauen, Teilzeitarbeitnehmer, kurzfristig beschäftigte Arbeitnehmer und Saisonarbeitnehmer, Immigranten und Studenten) nicht wirkungsvoll verhinderte (wie oben erläutert).

Geltungsbereich

Entscheidender Aspekt bei Mindestlöhnen ist selbstverständlich deren Reichweite. In Ländern mit einem nationalen Mindestlohn gilt dieser im Allgemeinen für sämtliche Arbeitnehmerkategorien, auch wenn in einigen Fällen - wie in Belgien und Griechenland - nur der private Sektor betroffen ist. Dagegen sind in vielen Ländern bestimmte Arbeitnehmerkategorien entweder nicht durch den Mindestlohn abgesichert oder erhalten einen niedrigeren Tarif. In folgenden Ländern erhalten jüngere Arbeitnehmer einen niedrigeren Mindestlohntarif (der gelegentlich mit zunehmendem Alter schrittweise erhöht wird): Belgien (wo ab 22 Jahren Anrecht auf den vollen Mindestlohn besteht), Irland (18), Luxemburg (18), den Niederlanden (23) und dem Vereinigten Königreich (22). In Griechenland gibt es für Arbeiter und Angestellte einen separaten Tarif, während in Luxemburg zwischen ungelernten Arbeitern und Facharbeitern unterschieden wird. In Belgien und Irland hängt das Anrecht auf den vollen Tarif von einer Mindestbeschäftigungsdauer ab. In Irland, Portugal und dem Vereinigten Königreich beziehen Arbeitnehmer, die sich in einer Ausbildung befinden, einen niedrigeren Tarif. In Luxemburg, den Niederlanden und Portugal kann Arbeitnehmern mit eingeschränkter Arbeitsfähigkeit ein niedrigerer Tarif gezahlt werden. Des Weiteren gibt es in Portugal für inländische Arbeitnehmer einen separaten, niedrigeren Tarif. Im Vereinigten Königreich sind eine relativ große Anzahl von Kategorien völlig ausgeschlossen, darunter Arbeitnehmer unter 18, Lehrlinge unter 19, Lehrlinge unter 26 während der ersten zwölf Monate ihrer Lehre, bestimmte Auszubildende, Studenten während Betriebspraktika im Rahmen einer Hochschulausbildung, Firmenchefs sowie Menschen, die in einer Familie leben und arbeiten. Diese verschiedenen niedrigeren Tarife und Ausschlüsse können zu einer Anhäufung von Niedriglohnempfängern unter Gruppen wie jungen Leuten und ungelernten Arbeitern beitragen.

In Ländern, in denen die Festsetzung von Mindestlöhnen entweder ausschließlich oder weitestgehend durch sektorale Tarifverträge geregelt wird, hängen die Auswirkungen vom Geltungsbereich dieser Abkommen ab. Sofern sektorale Abkommen nicht alle Sektoren und damit alle Arbeitnehmer innerhalb dieser Sektoren abdecken, ist deren Absicherung durch den Mindestlohn eingeschränkt. Sogar in Ländern mit einer hohen tarifvertraglichen Abdeckung gibt es Sektoren, für die kein Abkommen besteht - dies betrifft zumeist private Dienstleistungssektoren. Darüber hinaus ist die tarifvertragliche Abdeckung in kleinen Unternehmen zumeist geringer. Die häufig berichtete Ansammlung von Niedriglöhnen auf dem Dienstleistungssektor und in kleineren Unternehmen kann zumindest teilweise auf diese Faktoren zurückgeführt werden. Beispielsweise wird aus Deutschland, wo sektorale Abkommen eine wesentliche Rolle bei der Festlegung von Mindestlöhnen spielen, berichtet, dass die Hauptgründe für Niedriglöhne unter anderem im Vorhandensein von Sektoren bestünden, die nicht tarifvertraglich abgedeckt würden. Außerdem gebe es Fälle, in denen sich Arbeitgeber nicht an die Lohnvereinbarungen von Tarifverträgen hielten oder den jeweiligen Arbeitgeberverband verließen und infolgedessen nicht länger durch ein sektorales Abkommen abgedeckt würden.

Mindestlohnsätze

Ein weiterer wichtiger Faktor für die Effizienz von Mindestlöhnen bei der Verbesserung der Bezahlung von Niedriglohnempfängern ist offensichtlich die Höhe des festgelegten Mindestlohns: ist der Satz des Mindestlohns zu niedrig, wird sich dies kaum auf die Häufigkeit von Niedriglöhnen auswirken. Werden die tatsächlichen Entgeltsätze betrachtet, ergeben sich bei den Mindestlohnsätzen erhebliche Unterschiede von Land zu Land. Wie aus den Eurostat-Angaben in unten stehender Tabelle 5 ersichtlich (in dieser sind Länder mit einem nationalen Mindestlohnsystem erfasst), ist der Mindestlohnsatz in Luxemburg und den Niederlanden drei Mal höher als in Portugal. In Belgien, Frankreich, Irland, Luxemburg, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich liegt der monatliche Mindestsatz bei über 1000 EUR; dagegen liegt er in Griechenland, Portugal in Spanien bei ca. 500 EUR oder darunter. Eurostat versucht, eine Vorstellung des realen einzelstaatlichen Mindestlohnsatzes zu vermitteln, indem dieser mit dem durchschnittlichen Verdienst auf dem Produktionssektor jedes Landes verglichen wird. Hieraus lässt sich relativ gesehen schließen, dass der nationale Mindestlohn in Portugal (57%) am höchsten und in Spanien (34%) am niedrigsten ist. In Frankreich, den Niederlanden, Luxemburg und Griechenland beträgt der Satz über 40% des Durchschnittsverdienstes, während er in Belgien und dem Vereinigten Königreich bei unter 40% liegt.

Tabelle 5. Nationale Mindestlöhne - in Sätzen und als prozentualer Anteil am Durchschnittsverdienst
Land Monatlicher Mindestlohn (EUR) (2002) Mindestlohn in % des Durchschnittsverdienstes auf dem Produktionssektor (1999)
Belgien 1,163 39
Frankreich 1,126 49
Griechenland 473 41
Irland 1,009 K. A.
Luxemburg 1,290 42
Niederlande 1,207 44
Portugal 406 57
Spanien 516 34
Vereinigtes Königreich 1,124 37

Quelle: Eurostat, Statistik kurz gefasst, Bevölkerung und soziale Bedingungen Nr. 5/2002 'Mindestlöhne in der Europäischen Union, 2002 ' und Nr. 2/2001, 'Mindestlöhne in der Europäischen Union, 2001'.

Zwar erfassen die Eurostat-Daten keine Länder mit einem auf Tarifverträgen beruhenden Mindestlohnsystem, doch zeigen die einzelstaatlichen Angaben für einige wenige dieser Länder, dass diese im Vergleich mit zahlreichen nationalen bzw. gesetzlichen Systemen zur Festlegung relativ hoher Mindesttarife neigen. Beispielsweise beträgt der maßgebliche Mindeststundenlohn im dänischen Dienstleistungssektor etwas mehr als die Hälfte des medianen Stundenlohnes, während deutschen Forschungsergebnissen zufolge die durch Industrie-Tarifverträge festgelegten Mindestlohntarife 1993 58% des Durchschnittslohns betrugen. Gleichwohl sollte darauf hingewiesen werden, dass die vereinbarten Mindestsätze zwischen den einzelnen Sektoren stark voneinander abweichen können - wie zum Beispiel in Belgien.

Ein relativ hoher Mindestlohnsatz kann die Zahl von Niedriglohnempfängern erheblich reduzieren, insbesondere wenn dies zusammen mit einer kleinen Varianz bei der Lohnverteilung auftritt (wie z. B. in Dänemark). Liegt der Mindestlohnsatz dagegen niedrig, wird sich dies kaum auf Niedriglohnempfänger auswirken, zumal die meisten von ihnen mehr als diesen Satz erhalten dürften. Ein nennenswertes Beispiel ist Spanien, wo der Mindestlohn sowohl absolut als auch relativ gesehen so niedrig ist (einer der Niedrigsten in der EU) (ES0201249N), dass er bei der Festlegung von Lohntarifen auf dem Arbeitsmarkt keinen Referenzwert darstellt (mit Ausnahme von Ausbildungsverträgen, deren Vergütung auf diesem Mindestsatz beruht).

Ein Hinweis auf die direkten Auswirkungen von Mindestlöhnen ist der Anteil der Arbeitnehmer, die zu diesem Satz bezahlt werden. Nach Eurostat bezogen im Jahr 2000 und 2001 nur rund 2% aller Arbeitnehmer in Irland, den Niederlanden, Spanien und dem Vereinigten Königreich den nationalen Mindestlohn (verglichen mit über 6% in Portugal, nahezu 14% in Frankreich und 15,5% in Luxemburg). Dies würde die These untermauern, wonach höhere nationale Mindestlohntarife größere Auswirkungen haben.

In einigen der untersuchten Länder heißt es aus bestimmten Kreisen, dass nationale Mindestlöhne nicht hoch genug liegen, um die schlimmsten Folgen von Niedriglöhnen und Armut zu lindern. Vor diesem Hintergrund ist es kaum überraschend, dass einige Gewerkschaften in Ländern wie Frankreich, Griechenland, Irland, Spanien und dem Vereinigten Königreich eine erhebliche Erhöhung des Mindestlohns fordern (siehe unten unter 'Maßnahmen und Ansichten der Sozialpartner').

Zwar ist es in tarifpolitisch geregelten Systemen schwierig, den Anteil der Arbeitnehmer einzuschätzen, die zu diesem Satz bezahlt werden, doch weisen die hier vorhandenen Anzeichen auf Schwankungen zwischen Sektoren und Arbeitnehmergruppen hin. Die tarifvertraglich festgelegten Mindestsätze werden - wie oben erwähnt - in der Praxis oft überschritten - auf Grund von Tarifverhandlungen auf niedrigerer Ebene oder sonstiger Vereinbarungen. In Österreich ist beispielsweise die Bedeutung von Mindestentgeltsätzen in den einzelnen Sektoren unterschiedlich; während Mindestlöhne in gewissen Sektoren (z. B. Gastronomie) den tatsächlich gezahlten Sätzen entsprechen, erhält die Mehrheit von Arbeitnehmern in den anderen Sektoren Sätze, die oberhalb dieser Stufe liegen. In Dänemark werden tarifvertraglich vereinbarte Mindestsätze üblicherweise durch Tarifverhandlungen auf lokaler Ebene erhöht; dabei entsprechen die Mindesttarife nur in wenigen Fällen den tatsächlich gezahlten Tarifen - wie z. B. in gewissen Dienstleistungssektoren (Einzelhandel, Hotels und Gaststätten) und für besondere Gruppen wie Saisonarbeitnehmer oder kurzfristig beschäftigte Arbeitnehmer.

Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass die Festlegung sektoraler Mindestlohntarife insbesondere in den wesentlichen Niedriglohnsektoren üblich ist (im Allgemeinen Einzelhandel, Hotels, Gaststätten und Bewirtung, Textilherstellung, Reinigungsbetriebe, Landwirtschaft und Bauwesen). Darüber hinaus hat kein Land ein System, bei dem ein Mindestlohn nur für diese Sektoren gilt - auch wenn Irland und das Vereinigte Königreich vor der jüngst erfolgten Einführung nationaler Mindestlöhne ein solch selektives Mindestlohnsystem besaßen). Gleichwohl ist die Ausdehnung von Tarifverträgen beispielsweise in Deutschland insbesondere in Niedriglohnbranchen wie Bauwesen, Einzelhandel, Bewirtung, Textilindustrie und Reinigung äußerst gängig.

Verhältnis zwischen nationalen und sektoralen Tarifen

In Ländern mit einem nationalen Mindestlohn und einer hohen Abdeckung durch sektorale Tarifverträge zur Festlegung von Mindestentgeltsätzen hängen die Auswirkungen des Mindestlohns sehr stark von der Höhe der Mindestentgeltsätze ab. Beispielsweise übersteigen die in Belgien durch sektorale Tarifverhandlungen festgelegten Mindestsätze den nationalen Mindestlohn um etwa 15% bis 30%. Dagegen übersteigt der nationale Mindestlohn in Frankreich (SMIC) mittlerweile in den meisten Fällen die tarifvertraglich vereinbarten Mindestsätze, wodurch diese bedeutungslos werden.

Unterschiedliche Systeme

Im Allgemeinen scheint es über die Frage, ob nun nationale bzw. gesetzliche Mindestlohnsysteme oder auf sektoralen Abkommen beruhende Systeme Niedriglöhne besser bekämpfen, wenig Erkenntnisse bzw. Diskussionen zu geben. Es gibt jedoch einige Parteien, die dem erst genannten System den Vorzug geben. Beispielsweise argumentieren einige deutsche Berichterstatter, dass das Fehlen eines gesetzlich vorgeschriebenen nationalen Mindestlohns Niedriglöhne in diesem Land gefördert habe, zumal Tarifverträge nicht für alle Arbeitnehmer gälten und keine angemessenen Mindestlöhne garantierten.

Erkenntnisse aus Irland und dem Vereinigten Königreich

Gerade in Ländern mit einem seit langem bestehenden Mindestlohn sind die Auswirkungen eines gesetzlich vorgeschriebenen nationalen Mindestlohns auf Niedriglohnempfänger im Vergleich zu anderen Faktoren schwierig zu bewerten. Allerdings ist die Untersuchung dieses Aspekts durch die erst vor kurzem erfolgte Einführung eines nationalen Mindestlohns in Irland und dem Vereinigten Königreich in diesen Ländern wesentlich einfacher.

Der im April 2000 in Irland eingeführte Mindestlohn (IE0107170F) war zweifellos ein wesentlicher Faktor bei der Anhebung des Einkommensniveaus von Niedriglohnempfängern sowie bei der geringen - wenn auch bedeutenden - Verkleinerung der Lohnschere zwischen den Geschlechtern. Im Jahr 2001 veröffentlichte Forschungsergebnisse belegen, dass das Einkommen von etwa 5% aller Arbeitnehmer als direkte Folge durch die Einführung des Mindestlohns angestiegen war (IE0110103N); allerdings war diese Zahl niedriger als ursprünglich vorgesehen. Es scheint, als hätten ein angespannter Arbeitsmarkt und ein Arbeitskräftemangel bei den Lohnerhöhungen in vielen Niedriglohnsektoren eine wesentlich höhere Rolle gespielt, zumal die Arbeitslosigkeit ab Ende der 90er-Jahre stark fiel. Der Studie zufolge gaben 81% aller Arbeitgeber vor, dass sie ihre Löhne ungeachtet des Mindestlohns angehoben hätten, um Arbeitskräfte anzuziehen oder zu halten.

Anhand der Erkenntnisse aus Irland bestätigen sich die Ansammlung von Niedriglöhnen in bestimmten Sektoren und kleineren Unternehmen sowie die Auswirkungen, die ein nationaler Mindestlohn haben kann. Der prozentuale Anteil von Arbeitnehmern, die als direkte Folge des Mindestlohns eine Lohnerhöhung verzeichnet haben, war am höchsten im Einzelhandel (11,6%), gefolgt von Hotels, Gaststätten und Bars (8,9%) und der Textilindustrie (7%) - allesamt traditionelle Niedriglohnsektoren. In anderen Sektoren war dieser Effekt nicht so stark zu spüren (Großhandel (5,1%), Produktionssektor ohne Textilgewerbe (2,7%), Banken und Finanzwesen (2,4%) sowie Bauwesen (0,8%)). In Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten waren nur 2,5% aller Arbeitnehmer direkt vom Mindestlohn betroffen, während dieser Wert in Unternehmen mit 4 bis 100 Beschäftigten 7% bis 8% betrug.

Erkenntnisse aus dem Vereinigten Königreich lassen den Schluss zu, dass sich die Einführung des nationalen Mindestlohns im April 1999 erheblich auf Niedriglohnempfänger mit äußerst geringem Lohn auswirkte (UK9904196F). 1998 erhielten 1.520.000 Arbeitnehmer weniger als den anfänglichen Mindestlohnsatz, während im Jahr 2001 nur 320.000 weniger als die in diesem Jahr geltende Steigerungsrate verdienten - dies entspricht einem Rückgang von 6,4% der Arbeitnehmer auf 1,3%.

Teilzeitarbeit

Auf Grund der hohen Konzentration von Niedriglöhnen unter Teilzeitarbeitnehmern in der EU und Norwegen könnte davon ausgegangen werden, dass Teilzeitarbeit in der Debatte über Niedriglöhne und Armut eine wesentliche Rolle spielt. Es hat jedoch den Anschein, als gäbe es in allen von dieser Studie erfassten Ländern (mit Ausnahme von Griechenland) keine besonderen gesetzlichen oder tarifvertraglich vereinbarten Bestimmungen, die auf einen Mindestlohn für Teilzeitarbeitnehmer abzielen und beispielsweise eine Erhöhung sicherstellen. Nach den neuesten griechischen Rechtsvorschriften (Gesetz 2874/2000) wurde der Lohn für Teilzeitbeschäftigung für Arbeitstage von ein bis drei Stunden um 7,5% angehoben (GR0012192F). In allen anderen Fällen erhalten Teilzeitarbeitnehmer denselben Mindestlohnsatz wie Vollzeitarbeitnehmer - und zwar im Verhältnis zu ihrer geringeren Arbeitszeit. Von zwei Ausnahmen abgesehen scheint es zu dieser Frage auch nur sehr wenig Debatten zu geben:

  • Der in Frankreich durch den SMIC festgelegte Mindeststundenlohn setzt der Ausbreitung von Niedriglohnarbeit, die nach Stundensätzen bezahlt wird, Grenzen. Allerdings wird diese Stundenlohngarantie durch den starken Anstieg der Teilzeitarbeit seit Beginn der 90er-Jahre immer wirkungsloser, was die Eindämmung des Anstiegs von Niedriglohnarbeitnehmern angeht - sofern das Einkommen für Arbeitnehmer untersucht wird (pro Monat oder pro Jahr). Dementsprechend fordern die Gewerkschaften neben strengeren Vorschriften für den Einsatz von Teilzeitarbeit eine Erhöhung des SMIC;
  • der Griechische Gewerkschaftsbund (GSEE) schlägt hierbei vor, dass die Entlohnung für Teilzeitbeschäftigung 25% höher sein sollte als der Lohn, der der verringerten Arbeitszeit entspricht, und keinesfalls geringer sein darf als die Hälfte des einer normalen Beschäftigung entsprechenden Lohns.

Dezentralisierung der Tarifpolitik

In den letzten Jahren bestand ein gängiger Trend in einer Reihe europäischer Länder in einer Dezentralisierung der Tarifpolitik, die sich im Allgemeinen von sektoraler auf unternehmensinterne Ebene vollzieht (obschon gelegentlich auch von sektorübergreifender auf sektorale Ebene). Zu der Frage, ob die Dezentralisierung der Lohnverhandlungen die Häufigkeit von Niedriglöhnen begünstigen könnte, liegen nur für wenige Länder Angaben vor, aus denen wiederum kein ausgeprägter gemeinsamer Trend in diesem Bereich hervorgeht.

In Ländern, deren Dezentralisierung der Lohnverhandlungen bestätigt wird, sind die Auswirkungen auf Niedriglöhne unklar. In Frankreich war der Einfluss von Tarifverhandlungen auf Niedriglohnempfänger im Allgemeinen immer schon schwach; dies wird durch die Tatsache unterstrichen, dass die Mehrheit der auf sektoraler Ebene geltenden Mindestlöhne niedriger ist als der nationale Mindestlohn SMIC (s. o.). Gleichwohl hatte die Dezentralisierung von Lohnverhandlungen Auswirkungen auf das allgemeine Lohnschema und hat wahrscheinlich zur wachsenden Zahl von Niedriglohnempfängern beigetragen. Im Vereinigten Königreich kam es zu einer weit verbreiteten Dezentralisierung von Lohnverhandlungen, wobei diese mit einem Anstieg der Lohnstreuung und der Tarifabschlüsse in Verbindung gebracht wurde; dennoch ist nicht genau geklärt, inwieweit Niedriglöhne hierdurch erhöht wurden. Aus Griechenland wird jedoch berichtet, dass die durch neuere Rechtsvorschriften gestärkte Dezentralisierung der Lohnfestlegung die Grundlage für die Deregulierung von Tarifverträgen geschaffen habe, was sich nachteilig auf die Entlohnung eines großen Teils der Lohnempfänger auswirkte.

In Ländern mit einem zentralisierteren Lohnverhandlungssystem wird dieses in bestimmten Fällen als Faktor zur Verhinderung von Niedriglöhnen angesehen. Beispielsweise wird argumentiert, dass das zentralisierte Tarifverhandlungssystem in Norwegen in gewissem Maße zu dem relativ kleinen Lohngefälle beiträgt, durch das sich der norwegische Arbeitsmarkt auszeichnet. In Irland gibt es Anhaltspunkte dafür, dass ein 'allgemein zugängliches' dezentralisiertes Lohnverhandlungssystem - im Gegensatz zum gegenwärtigen nationalen Lohnfestsetzungsmodell - Arbeitnehmern in Gewerkschaften mit großer Verhandlungsmacht zugute kommen könnte. Dagegen würden Arbeitnehmer mit geringerer Verhandlungsmacht hierbei eher Nachteile erleiden.

'Grundlohn'-Debatte

Aus oben stehenden Erkenntnissen geht hervor, dass die verschiedenen Mindestlohnsysteme in der EU und Norwegen im Allgemein den Abwärtsdruck auf die Löhne verringern und in erster Linie die Einkommen von Niedriglohnempfängern schützen, die andernfalls weit unter diesem Niveau liegende Löhne erhielten. Häufig wird jedoch argumentiert - wie beispielsweise von der OECD -, dass solche Mindest-'Grundlöhne' die Kosten zur Einstellung gering qualifizierter und unerfahrener Arbeitnehmer steigen ließen. Wären solche Löhne außerdem im Vergleich zum Durchschnittslohn zu hoch, würden sie insbesondere unter jungen Arbeitnehmern und Arbeitnehmern mit geringer Produktivität wahrscheinlich zu einer Verringerung der Berufschancen führen.

Einzelstaatliche Erkenntnisse zu diesem Aspekt liegen kaum vor. In einigen Ländern wie Österreich, Dänemark, Norwegen, Griechenland, Portugal und Spanien steht das Vorhandensein von Grundlöhnen gegenwärtig nicht wesentlich zur Debatte. Wann immer nationale Angaben vorliegen, widerlegen diese im Allgemeinen das Argument, wonach sich durch Mindestlöhne festgesetzte Grundlöhne negativ auf die Beschäftigung auswirken. Vielmehr sprechen die Tatsachen weder für einen positiven noch negativen Zusammenhang zwischen der Höhe des Mindestlohns und der Beschäftigung von Niedriglohnempfängern. Gleichwohl sind die Auswirkungen in Ländern, in denen diese Frage auf Grund der kürzlichen Einführung eines nationalen Mindestlohns - d. h. in Irland und im Vereinigten Königreich - problemlos geklärt werden könnte, unklar, weil der Mindestlohn in Zeiten eines starken Wirtschafts- und Beschäftigungswachstums eingeführt wurde. Nachfolgend einige Beispiele nationaler Angaben zu diesem Thema:

  • aus Frankreich wird berichtet, dass aus seriösen empirischen Studien niemals negative Auswirkungen des Mindestlohns auf die Beschäftigung hervorgegangen seien. Alle Studien, die negative Ergebnisse postulieren, beruhten - so wird behauptet - auf theoretischen Modellen, deren empirische Gültigkeit unbewiesen bleibt;
  • nach einem deutschen Bericht zur Schaffung von Arbeitsplätzen unter gering qualifizierten Personen gibt es keinen Anhaltspunkt dafür, dass Lohnsenkungen bzw. die Schaffung neuer Niedriglohngruppen für diese Personen automatisch zu besseren Berufsaussichten führen. Auch gibt es keine Beweise dafür, dass die späteren Berufschancen dieser Gruppen durch eine größere Lohnspanne verbessert werden; so ist beispielsweise der Beschäftigungsanteil gering qualifizierter Arbeitnehmer in Deutschland wesentlich höher als in Ländern (wie z. B. den USA und dem Vereinigten Königreich) mit höherer Lohnspanne;
  • eine wissenschaftliche Untersuchung der Auswirkungen des irischen nationalen Mindestlohns ergab, dass keines der befragten Unternehmen erklärte, infolge der Einführung des Mindestlohns weniger Arbeitnehmer eingestellt zu haben; dagegen behaupteten 5% aller Unternehmen, mehr Arbeitnehmer einzustellen, wenn der Mindestlohn nicht eingeführt worden wäre. Der Mindestlohn wurde zu Zeiten starker wirtschaftlicher Expansion und eines extrem boomenden Beschäftigungswachstums eingeführt, infolgedessen waren seine Auswirkungen auf die Beschäftigung unbedeutend;
  • selbst unter den liberaleren spanischen Wirtschaftswissenschaftlern soll es Übereinstimmung darüber geben, dass sich der Mindestlohn für Erwachsene nicht wesentlich auf die Beschäftigung auswirkt (zweifelsohne deswegen, weil er so niedrig ist). 1997 beschloss die Regierung, den Mindestlohn für Erwachsene und Jugendlich zu verschmelzen, wodurch Letzterer um 17,7% stieg. Orthodoxe Wirtschaftswissenschaftler prognostizierten einen Rückgang der Jugendbeschäftigung infolge dieses Anstiegs. In den drei Jahren nach der Umsetzung dieser Maßnahme stieg die Jugendbeschäftigung um 22,5%, was wahrscheinlich auf eine kontinuierliche Ausweitung der wirtschaftlichen Nachfrage und die Tatsache zurückzuführen war, dass der Mindestlohn für Jugendliche trotz der Erhöhung noch immer niedrig war;
  • im Vereinigten Königreich gingen aus den der Low Pay Commission seit der Einführung des nationalen Mindestlohns vorgelegten Fakten im Allgemeinen keine ungünstigen Auswirkungen auf die Beschäftigung oder Arbeitslosigkeit hervor. Dies beruhte sowohl auf aggregierten Zahlen als auch auf Fallstudienforschung. Zwar wurden die Beschäftigungszahlen in einigen Unternehmen geringer, doch wurde dieser Verlust durch Zuwächse in anderen Unternehmen wettgemacht. Der Mindestlohn wurde zu einer Zeit eingeführt, in der die Beschäftigung im Dienstleistungssektor einem allgemeinen Aufschwung unterlag; betroffen waren insbesondere die Sektoren, in denen Niedriglohnempfänger beschäftigt sind (wie zum Beispiel Hotel- und Gaststättengewerbe, Einzelhandel und Unternehmensdienste). Bei einer wissenschaftlichen Untersuchung aller Auswirkungen der Einführung des nationalen Mindestlohns ergaben sich für keine Gruppe (einschließlich Jugendlicher) ungünstige Folgen für die Beschäftigung.

Verhandlungsmacht und Mitgliederzahlen von Gewerkschaften

Aus einigen wissenschaftlichen Untersuchungen geht hervor, dass neben Mindestlohnregelungen auch andere Arbeitsmarktfaktoren - insbesondere Verhandlungsmacht und Mitgliederzahlen von Gewerkschaften - die Häufigkeit von Niedriglöhnen maßgeblich beeinflussen können.

Betreffend die Verhandlungsmacht von Gewerkschaften scheinen die aus den untersuchten Ländern vorliegenden Angaben diese Aussage zu bestätigen. In allen acht Ländern, für die Informationen vorhanden sind (Belgien, Dänemark, Deutschland, Irland, die Niederlande, Norwegen, Spanien und das Vereinigte Königreich), lassen die Fakten darauf schließen, dass die Häufigkeit von Niedriglöhnen gemäß der Stärke der Gewerkschaften zu- oder abnimmt. So werden die relativ hohen Mindestlohntarife und die relativ niedrige Anzahl von Arbeitnehmern mit Einkommen unter dem Existenzminimum in Dänemark und Norwegen teilweise auf die starke Verhandlungsmacht der Gewerkschaften zurückgeführt, während in Belgien und Irland die gegenwärtige Verhandlungsstärke von Gewerkschaften als Bollwerk gegen Niedriglöhne betrachtet wird.

Dagegen haben wirtschaftliche und politische Veränderungen in Deutschland, den Niederlanden, Spanien und dem Vereinigten Königreich, insbesondere seit Anfang und während der 90er-Jahre, den Druck auf die Gewerkschaften erhöht und damit ihre Handlungs- und Durchsetzungsfähigkeit eingeschränkt. Beispielsweise waren die Gewerkschaften in den Niederlanden mehr oder weniger gezwungen, Mitte der 90er-Jahre der Einführung niedriger Lohnskalen (geringfügig über dem gesetzlichen Mindestlohn) in Tarifverträgen zuzustimmen; zudem wurde ihre Forderung, den gesetzlichen Mindestlohn für Arbeitnehmer unter 23 anzuheben, nicht erfüllt. Auch in Spanien gelang es den Gewerkschaften nicht, ihre Forderung nach Anhebung des niedrigen Mindestlohns zum Zwecke der Annäherung an andere europäische Länder durchzusetzen - auch wenn sie es in gewisser Weise besser verstanden, das Thema Niedriglöhne zum Verhandlungsgegenstand zu machen. Einige wenige Forschungsergebnisse aus dem Vereinigten Königreich untermauern die These, wonach Löhne im untersten Bereich des Arbeitsmarktes auf Grund geschwächter Gewerkschaften sinken konnten, obwohl Gewerkschaftsmitglieder nach wie vor höhere Löhne beziehen. Mitte der 90er-Jahre belegte eine wissenschaftliche Untersuchung der Auswirkungen sinkender Gewerkschaftsmitgliederzahlen auf die wechselnde Lohnstruktur im Vereinigten Königreich, dass etwa 20% der Zunahme bei der Lohnungleichheit auf den Mitgliederschwund der Gewerkschaften zurückzuführen war.

Anhand der Fakten aus dem Vereinigten Königreich stellt sich die Frage nach dem 'Aufschlag' bzw. der 'Lohnprämie' der Gewerkschaften - ein Trend, wonach Gewerkschaftsmitglieder höhere Löhne als nicht organisierte Arbeitnehmer beziehen, der in einer Reihe von Ländern gegeben ist (wie in Irland und dem Vereinigten Königreich). Angaben zur Gewerkschaftsmitgliedschaft unter Niedriglohnempfängern liegen nur für vier Länder vor - Dänemark, die Niederlande, Spanien und Schweden - und sind für eine allgemeine Schlussfolgerung zu fragmentarisch und zu unpräzise. Gleichwohl überrascht nicht, dass zwei Länder mit einem relativ niedrigen Anteil von Niedriglohnempfängern - Dänemark und Schweden - auf zahlreichen Niedriglohnsektoren eine hohe Dichte der Gewerkschaftsangehörigkeit aufweisen, wohingegen in den Niederlanden - einem Land mit moderatem Niedriglohnempfängeranteil - die Dichte der Gewerkschaftsangehörigkeit in den unteren Einkommensgruppen (Personen mit einem monatlichen Haushaltseinkommen unter 900 EUR) nur 5% beträgt (nationaler Durchschnitt 28%). Schließlich verzeichnen die wichtigsten Gewerkschaften in Spanien in Sektoren mit mittleren Entgeltsätzen (wie Metallverarbeitung, öffentlicher Sektor, Chemie, Transport und Kommunikation sowie Banken) die höchsten Mitgliederzahlen, während die Gewerkschaften die Anwerbung neuer Mitglieder in Niedriglohnsektoren als schwierig betrachten.

Maßnahmen und Ansichten der Sozialpartner

Gewerkschaften

Das Thema Niedriglohn genießt bei Gewerkschaften in der EU und Norwegen scheinbar einen relativ hohen Stellenwert. Grundsätzlich verfolgen die Gewerkschaften in allen 16 untersuchten Ländern das gemeinsame Ziel, für alle Arbeitnehmer einen akzeptablen Lebensstandard durchzusetzen, auch wenn sich die hierbei angewandten Methoden zwischen den einzelnen Ländern und sogar zwischen den Gewerkschaften innerhalb eines selben Landes erheblich unterscheiden. Dementsprechend haben Gewerkschaften verschiedene Initiativen zur Bekämpfung von Niedriglöhnen eingeleitet. Insgesamt können diese Initiativen in 'lohnbezogene' (direkt mit Lohn und Einkommen verbunden) und 'nicht lohnbezogene' Kategorien eingeteilt werden.

Lohnbezogene Initiativen

Der Schwerpunkt der Gewerkschaften bezüglich Lohn und Einkommen liegt auf der Höhe des Mindestlohns und der Verbesserung der wirtschaftlichen Lage von Niedriglohnempfängern mittels Tarifpolitik.

In zahlreichen Ländern - wie Österreich, Belgien, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Irland, Norwegen, Spanien und dem Vereinigten Königreich - bemühen sich Gewerkschaften um eine Anhebung der Mindestlohnsätze. In Ländern mit einem nationalen Mindestlohnsystem gibt es eine allgemeine Forderung nach einer Erhöhung des allgemeinen Mindestsatzes (wie in Frankreich, Griechenland, Irland und Spanien) sowie spezielle Forderungen. Beispielsweise konzentrieren sich Gewerkschaften in bestimmten Ländern auf minderjährige Arbeitnehmer, wobei sich niederländische Gewerkschaften für einen höheren Mindestlohn für Arbeitnehmer unter 23 einsetzen und eine Reihe von Gewerkschaften im Vereinigten Königreich mit zahlreichen Mitgliedern aus Niedriglohnsektoren (z. B. die allgemeine Gewerkschaft GMB und die Gewerkschaft der öffentlichen Bediensteten UNISON) dafür kämpfen, den nationalen Mindestlohn auch auf minderjährige Arbeitnehmer auszudehnen. Das Hauptanliegen des Christlichen Gewerkschaftsverbands von Belgien (Confédération des Syndicats Chrétiens/Algemeen Christelijk Vakverbond, CSC/ACV) besteht dagegen darin, an der automatischen Indexierung des Mindestlohns festzuhalten und die Entwicklung der drei wichtigsten Handelspartner Belgiens (Frankreich, die Niederlande und Deutschland) zu verfolgen, während sich der Allgemeine Belgische Gewerkschaftsbund (Algemeen Belgisch Vakverbond/Fédération Générale du Travail de Belgique, ABVV/FGTB) seit einer jüngst erfolgten Erhöhung der Sozialleistungen ausdrücklich für eine Neufestsetzung des Mindestlohns ausgesprochen hat, um die Differenz zu den Sozialleistungen zu verringern.

In einigen Ländern ohne nationalen Mindestlohn ist die Schaffung eines solchen Systems das Ziel einiger Gewerkschaften: Während beispielsweise in Deutschland zahlreiche Gewerkschaften einem nationalen Mindestlohn skeptisch gegenüberstehen, bemühen sich einige der Gewerkschaften in Niedriglohnsektoren, wie zum Beispiel die IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU), die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) (DE9911221N) und die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Ver.di), um einen nationalen Mindestlohn von monatlich 1500 EUR.

In Ländern, in denen Tarifverhandlungen bei der Festsetzung von Mindestentgelten eine wesentliche Rolle spielen, versuchen Gewerkschaften in vielen Fällen, die vereinbarten Mindestsätze zu erhöhen (dies trifft auch auf Länder wie Frankreich, Griechenland und Spanien zu, in denen es ebenfalls einen nationalen Mindestlohn gibt). Beispielsweise bemüht sich der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) seit Anfang der 90er-Jahre um einen auf sektoraler Ebene vereinbarten Mindestlohntarif (gegenwärtig 872 EUR monatlich); dabei gelang es ihm, die Mindesttarife in gewissem Maße nach oben zu drücken. In Dänemark und Norwegen haben Gewerkschaften Niedriglohnjobs zu einem besonderen Anliegen der Tarifpolitik gemacht. In Norwegen argumentiert der größte Gewerkschaftsbund, der Norwegische Gewerkschaftsbund (Landsorganisasjonen i Norge, LO) im Allgemeinen, dass Niedriglohnempfängern bei Verhandlungen auf zentraler Ebene Priorität einzuräumen sei, und zwar über spezielle Erhöhungen oder Anhebungen der pauschalen Entgeltsätze (derartige Anhebungen der pauschalen Sätze werden auch von der größten irischen Einzelgewerkschaft, der Services, Industrial, Professional and Technical Union (SIPTU), als Kernstrategie zur Verringerung von Niedriglöhnen angesehen. Dagegen führen andere Gewerkschaften ins Feld, dass die Konzentration auf Niedriglohnempfänger bei den Verhandlungen auf zentraler Ebene in Norwegen zu einem Ungleichgewicht bei der Lohnfestsetzung beigetragen habe. Die gegenwärtige nationale Vereinbarung zur Einkommenspolitik Finnlands (FI0012170F) beinhaltet eine spezielle Lohnerhöhung auf sektoraler Ebene, um die Situation von Niedriglohnempfängern zu verbessern.

In einigen der untersuchten Länder konzentrieren sich Gewerkschaften auch auf steuerliche und steuerähnliche Aspekte. Beispielsweise machen sich belgische Gewerkschaften (und andere Sozialpartner) für eine Senkung der Sozialversicherungsbeiträge von Niedriglohnempfängern stark (BE9910308N). In Irland umfasst das gegenwärtige nationale Dreiparteien-Übereinkommen, das Programme for Prosperity and Fairness (PPF) (IE0003149F), eine Zusage, alle Arbeitnehmer, die den Mindestlohn beziehen, zur Befreiung von der Lohnsteuer vollständig vom Steuernetz zu entbinden; dagegen legte die Einzelgewerkschaft SIPTU den Schwerpunkt auf steuerliche Maßnahmen zur Verbesserung des Lebensstandards von Arbeitnehmern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen.

Nicht lohnbezogene Initiativen

In zahlreichen Ländern - insbesondere Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, den Niederlanden und Spanien - haben Gewerkschaften ebenfalls eine Reihe anderer, für die Bekämpfung von Niedriglöhnen wichtiger Faktoren ausgemacht, die nicht direkt mit Entgeltsätzen und Einkommensniveaus zusammenhängen.

In Frankreich und Griechenland bemühen sich Gewerkschaften um restriktivere Vorschriften hinsichtlich Verwendung und Merkmalen von Teilzeitarbeit, um somit gegen Niedriglöhne vorzugehen. Ebenso machen sich Gewerkschaften in Italien für mehr Rechte und Schutz von Arbeitnehmern in 'nicht genormten' Beschäftigungsverhältnissen stark, die ihrer Auffassung nach neben anderen Nachteilen normalerweise auch Niedriglöhne umfassen; dagegen fordern Gewerkschaften in Spanien eine drastische Verringerung des hohen Zeitarbeitsaufkommens im Land. In Irland erachten die Gewerkschaften Verbesserungen bei der Versorgung mit öffentlichen Dienstleistungen - wie zum Beispiel Wohnungsbau, Gesundheitsvorsorge, Kinderbetreuung und öffentliche Verkehrsmittel - zur Verbesserung der Lage von Niedriglohnempfängern als sehr wichtig. Irische Gewerkschaften haben ebenfalls auf das Problem bei der Umsetzung des nationalen Mindestlohns hingewiesen und dabei angemerkt, es gebe nicht genügend Lohnprüfer, um sicherzustellen, dass Arbeitgeber den gesetzlichen Mindesttarif anwenden.

Gewerkschaften und andere Arbeitnehmervertretungsgremien in Österreich und Belgien haben eine erneute Überprüfung der gegenwärtigen Definitionen von Niedriglohnempfängern gefordert, da sie diese bei der Untersuchung des Phänomens als unangemessen betrachten. Beispielsweise hat die Arbeiterkammer Salzburg in Österreich jüngst eine alternative Definition von Niedriglohnempfängern bzw. Arbeitnehmern mit Einkommen unter dem Existenzminimum vorgeschlagen, bei der das Konzept des so genannten 'precarious welfare' (unsicherer Wohlstand) zur Anwendung kommt; nach diesem Konzept verschafft ein bestimmtes Einkommen nicht unbedingt ausreichende Möglichkeiten zum Erwerb einer bestimmten Warenliste bzw. zur aktiven Teilnahme am sozialen Leben - einschließlich einer echten Möglichkeit für Einzelpersonen, ihre soziale Situation zu verbessern.

Arbeitgeberorganisationen

Die Ansichten von Arbeitgeberorganisationen zu den bestehenden Mindestlohnsystemen unterscheiden sich in gewissem Maße. In Ländern mit nationalem Mindestlohn scheint dies weitestgehend akzeptiert bzw. zumindest in vielen Fällen nicht aktiv in Frage gestellt zu werden; Beispiele hierfür sind Luxemburg, die Niederlande und Spanien (wo der niedrige Mindestlohn eine Rolle spielen könnte). Der jüngst in Irland und dem Vereinigten Königreich eingeführte Mindestlohn scheint bei Arbeitgebern ungeachtet des Widerstandes von Arbeitgeberorganisationen vor der Einführung nicht sonderlich umstritten zu sein. Gleichwohl hat sich der wichtigste Arbeitgeberverband Frankreichs, das Mouvement des entreprises de France (MEDEF), aktiv für die Abschaffung des Mindestlohns SMIC eingesetzt und stattdessen von der Regierung gefordert, Arbeitnehmer mit zu niedrigem Lohn eine Aufstockung ihres Einkommens zu gewähren. (FR0208102F).

Trotz dieser gewissen Akzeptanz in Ländern mit nationalen Mindestlöhnen widersetzen sich Arbeitgeberorganisationen häufig jeglichen Erhöhungen ihrer Tarife - wie z. B. in Belgien, Luxemburg und dem Vereinigten Königreich. In Ländern ohne nationalen Mindestlohn ist es wahrscheinlich, dass dessen Einführung von Arbeitgebern blockiert wird; ein Beispiel hierfür ist die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA). Selbstverständlich geht es Arbeitgebern in erster Linie darum, Arbeitskosten niedrig zu halten, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen.

In Ländern, in denen Mindestlohnsätze ausschließlich bzw. größtenteils über Tarifpolitik festgelegt werden, befürworten Arbeitgeberorganisationen in bestimmten Fällen eine Lockerung des gegenwärtigen Systems und argumentieren hierbei, dass dies zu Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit beitrage. Deutsche Arbeitgeber sprechen sich nicht nur für die vermehrte Verwendung 'offener Klauseln' in Tarifverträgen aus - was die Zahlung von Löhnen unter den tarifvertraglich vereinbarten Sätzen ermöglicht -, sondern auch für flexiblere Entlohnungsbedingungen zur Einstellung von Langzeitarbeitslosen. Darüber hinaus widersetzen sie sich der Ausdehnung von Tarifverträgen zur Festlegung von Mindestentgeltsätzen. In Norwegen neigen Arbeitgeber zu der Behauptung, ein flexibleres Lohnfestsetzungssystem würde Arbeitnehmergruppen, die sich bei der Arbeitsplatzsuche schwer tun, den Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtern - obwohl Arbeitgeberorganisationen die auf Solidarität gestützte Einkommenspolitik mitgestaltet haben.

Genau wie flexiblere Tarifverträge schlagen Arbeitgeberorganisationen in einigen Ländern eine Reihe von Maßnahmen vor, die ihrer Auffassung nach die Situation von Niedriglohnempfängern verbessern und die Beschäftigungsstände erhöhen würden. Hierzu zählen insbesondere: Kürzungen der Sozialversicherungsbeiträge (wie in Belgien, Deutschland und den Niederlanden); steuerliche und sozialpolitische Maßnahmen zur Verbesserung der Einkommen von Niedriglohnempfängern (wie in Deutschland, Irland, Italien und dem Vereinigten Königreich); Lockerung der Rigidität des Arbeitsmarktes und Förderung der Arbeitsmarktflexibilität (wie in Deutschland und Irland) sowie Maßnahmen zur Verbesserung der Vermittlungsfähigkeit (wie im Vereinigten Königreich).

Arbeitsmarktpolitiken

Oben stehende Fakten weisen auf die Bedeutung von Mindestlohnvereinbarungen hin, die die Häufigkeit von Niedriglöhnen verringern, und sich gleichzeitig nicht nachteilig auf die Beschäftigung auswirken. Allerdings zeigen der Fortbestand von Niedriglöhnen und der relativ hohe Anteil von Niedriglohnempfängern in allen untersuchten Ländern, dass der Mindestlohn bei jeder beliebigen Politik zur Bekämpfung von Niedriglöhnen und Armut immer nur ein Element darstellen kann. Beschäftigung im öffentlichen Dienst und Arbeitsmarktpolitik spielen in diesem Bereich ebenso eine wichtige Rolle. In fast allen untersuchten Ländern haben die Regierungen eine Reihe von Politiken implementiert, die sich auf Niedriglohnbeschäftigung auswirken.

Diese Auswirkungen können indirekt über die Umsetzung allgemeiner beschäftigungsfördernder Politiken erfolgen. Gleichwohl können einige Politiken direkt auf Niedriglohnarbeit abzielen. Wie oben erwähnt, hängen Niedriglöhne eng mit geringer Qualifikation, niedriger Produktivität und wenig Berufserfahrung zusammen. Manche politische Verantwortungsträger und internationale Organisationen (wie die OECD) sind der Auffassung, dass sich die Berufsaussichten von Niedriglohnempfängern durch solche Gegebenheiten verringern und dabei den Weg zu besser bezahlten Stellen bzw. zum Eintritt auf den Arbeitsmarkt von vorneherein versperren. In dieser Hinsicht wurde mit einigen jüngst im öffentlichen Dienst und bei den Arbeitsmarktpolitiken erfolgten Veränderungen versucht, eine Reihe von Instrumenten miteinander zu kombinieren, um die Berufsaussichten von Niedriglohnempfängern zu verbessern. Jedoch kann gesagt werden, dass solche Maßnahmen oft Nebenwirkungen aufweisen - insbesondere in Form einer weiteren Aufspaltung des Arbeitsmarktes in Gruppen, die verschiedenen Beschäftigungs- und Entlohnungsbedingungen ausgesetzt sind.

In den untersuchten Ländern gibt es eine allgemeine und eher homogene Palette entsprechender beschäftigungspolitischer Instrumente. Abgesehen von Luxemburg, Norwegen und Schweden haben alle anderen Länder verschiedene Initiativen eingeleitet, die von der Schaffung von Arbeitsplätzen über Politiken zur Arbeitsflexibilisierung und Beschäftigungszuschusspolitiken bis hin zu steuerlichen und steuerähnlichen Maßnahmen reichen.

Was die allgemeine Beschäftigungspolitik angeht, wird häufig berichtet, dass die im Rahmen von Beschäftigungsprogrammen geschaffenen Stellen unter Niedriglohnarbeit überrepräsentiert seien. Darüber hinaus neigen alle Politiken zur Erhöhung der Flexibilität - hauptsächlich in Form von Teilzeit- und Leiharbeit - dazu, Niedriglöhne zu begünstigen, obwohl die tatsächlichen Auswirkungen auf die Häufigkeit von Niedriglöhnen schwierig zu ermitteln sind und in den einzelnen Ländern stark voneinander abweichen. Beispielsweise konzentrierten sich die beschäftigungspolitischen Maßnahmen im Vereinigten Königreich im Wesentlichen auf angebotsseitige Maßnahmen, wie z. B. 'Welfare-to-Work'-Initiativen. Ziel besteht hierbei darin, die Anzahl von Sozialleistungen durch die Verbesserung der 'Vermittlungsfähigkeit' von Langzeitarbeitslosen mittels Beratung, Ausbildung und Arbeitsvermittlungseinrichtungen zu verringern. Dieser 'New Deal' für junge Menschen (UK0002155F) weist einen zwanghaften Charakter auf, weil er die Wahl zwischen Bildung, Ausbildung und Beschäftigung bietet. Da sich die Maßnahmen an Arbeitnehmer im unteren Bereich des Arbeitsmarktes richten, bewirken sie eine Erhöhung des Angebots an Niedriglohnempfängern.

Eine speziell auf Niedriglöhne abzielende gemeinsame Initiative in fast allen Ländern besteht in der Einführung zielgerichteter Nachlässe der Sozialversicherungsbeiträge, wohingegen es in einigen wenigen Ländern Lohnzuschüsse und spezielle Steuergutschriften und -ermäßigungen gibt. Jedoch besteht nur in wenigen Ländern (wie Belgien und Finnland) Übereinstimmung darüber, dass das Vorhandensein eines erheblichen Beschäftigungszuwachses direkt auf Ermäßigungen der Sozialversicherungsbeiträge für Arbeitgeber bzw. besondere steuerliche Maßnahmen zurückzuführen sei. In anderen Ländern gibt es bezüglich der Bedeutung dieser Maßnahmen keine allgemeine Übereinstimmung.

Beispielsweise gab die Regierung in Deutschland Anfang 2002 bekannt, dass das 'Mainzer Modell'- ein Versuchsprojekt, bei dem Niedriglöhne von ehemaligen Langzeitarbeitslosen und Arbeitnehmern mit geringem Ausbildungsniveau begrenzt bezuschusst werden - auf ganz Deutschland ausgedehnt werde, nachdem es zuvor als Pilotprojekt durchgeführt worden war (DE0005260F). Gleichwohl sind die langfristigen Auswirkungen solcher Modelle auf den Arbeitsmarkt in der Hochschulforschung noch nicht eindeutig geklärt; eine Studie kommt zu dem Schluss, dass bis jetzt noch keine empirischen Beweise dargelegt haben, dass die landesweite Einführung einen wesentlichen Beitrag zur Ankurbelung der Beschäftigung leisten würde. Tatsächlich wurde im Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung betreffend die Auswirkungen der Pilotprojekte die Schlussfolgerung gezogen, dass die Erwartungen nach einem Jahr nicht erfüllt worden seien.

Kommentar

Obwohl es in der EU und Norwegen keine gemeinsame Definition von Niedriglöhnen gibt und die Forschungsergebnisse in diesem Bereich nicht immer zuverlässige Vergleiche zulassen, scheint es, als seien in den meisten Ländern zwischen 10% und 20% aller Arbeitnehmer von Niedriglöhnen betroffen. Wird bei der Definition von Niedriglohnempfängern davon ausgegangen, dass diese einen Monatslohn von weniger als 60% des medianen nationalen Lohns verdienen, liegt der EU-Durchschnitt nach Eurostat bei 15%, d. h. nahezu jeder siebte Arbeitnehmer ist betroffen. In einigen Ländern geht die Häufigkeit von Niedriglöhnen zurück (wie in Norwegen und Portugal), obwohl sie zumeist auf einem relativ hohen Stand bleibt; in anderen Ländern nimmt sie sogar zu (wie in Österreich, Belgien, Frankreich, Deutschland, Irland, Italien und Spanien). Obwohl Vergleiche zwischen Niedriglöhnen in der EU und Norwegen schwierig sind, hat es den Anschein, als sei die Lage in den nordischen Ländern sowie in Belgien und Portugal etwas besser als in den anderen Ländern.

Auch wenn einzelstaatliche statistische Angaben zu Arbeitnehmern mit Einkommen unter dem Existenzminimum in Europa kaum vorliegen, liegt der durchschnittliche Anteil 'armer' Arbeitnehmer in der EU laut Eurostat-Statistik bei 8%; die nationalen Werte schwanken hierbei zwischen 4% und 10%. Obwohl die Fakten darauf schließen lassen, dass Niedriglohnempfänger viel eher zu Armut neigen als die gesamte erwerbstätige Bevölkerung, zählt die große Mehrheit der Niedriglohnempfänger nicht zu den 'Arbeitnehmern mit Einkommen unter dem Existenzminimum'. Infolgedessen scheint es, als gebe es zwischen Niedriglohnempfängern und Arbeitnehmern mit Einkommen unter dem Existenzminimum keinen kausalen Zusammenhang. Ein wichtiger Faktor für die relative Unabhängigkeit dieser beiden Situationen in allen untersuchten Ländern besteht darin, dass die vom Mitglied eines Haushalts bezogenen Niedriglöhne häufig durch Löhne kompensiert werden, die andere Mitglieder desselben Haushalts erhalten. Auch soziale Einrichtungen spielen eine Rolle. Beispielsweise sorgen in Nordeuropa staatliche Einrichtungen und die Einkommensumverteilung durch staatliche Intervention (wie zum Beispiel Sozialleistungen, insbesondere Wohn- oder Kindergeld) für einen Rückgang der Armut unter Niedriglohnempfängern; in Südeuropa werden Niedriglohnempfänger im Allgemeinen durch das Phänomen der Großfamilie vor Armut geschützt.

Wichtigste allgemeine Faktoren, die zu Niedriglohnjobs führen, sind Teilzeitarbeit und niedrige Stundenlöhne. Nichtsdestoweniger verbergen sich hinter diesen Faktoren Fragen im Zusammenhang mit den individuellen Merkmalen von Niedriglohnempfängern, den Sektoren und Einrichtungen, in denen sie arbeiten, und der Art der von ihnen ausgeübten Arbeit. Werden die Sektoren untersucht, finden sich unter Arbeitnehmern auf dem privaten Sektor - insbesondere Dienstleistungssektoren wie Groß- und Einzelhandel, Gaststätten und Hotels, Transport und Lagerung - mehr Niedriglohnempfänger als auf dem öffentlichen Sektor, obwohl Niedriglohnjobs auch im Gesundheits- und Bildungswesen sowie in der öffentlichen Verwaltung vorkommen; in manchen Ländern werden auch zahlreiche Stellen im öffentlichen Dienst schlecht bezahlt. Tätigkeiten, die häufig mit Niedriglöhnen vergütet werden, finden sich in folgenden Bereichen: Verkauf, Personaldienste, Gastronomie, Pflege, Reinigung, Sicherheit und bei zahlreichen anderen Hilfstätigkeiten. Auch eine nur geringe Unternehmensgröße spielt bei Niedriglöhnen eine große Rolle. Auch Teilzeitarbeit, befristete Beschäftigungsverhältnisse sowie Leih- und Saisonarbeit sind mit Niedriglöhnen verbunden. Was die persönlichen Merkmale der Arbeitnehmer angeht, hängen Niedriglöhne stark von Geschlecht, Alter, Familienstand, Bildungsniveau beziehungsweise Fähigkeiten und Dienstalter ab. Häufig schlecht bezahlt werden: Frauen, junge bzw. allein stehende Menschen sowie Arbeitnehmer mit niedrigem Bildungsniveau und geringem Dienstalter. Ebenfalls eine Rolle spielen Präsenz und Stärke von Gewerkschaften - zusammen mit dem Vorhandensein von Tarifverhandlungen und deren Ebene - sowie andere Faktoren, die sich auf das Kräftegleichgewicht zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern auswirken. Jedoch tragen diese Faktoren nicht in allen Ländern zu Niedriglöhnen bei, zumal jedes Land Besonderheiten aufweist.

Zwar ist es allgemein erwiesen, dass Niedriglohnjobs häufig mit Erwerbstätigkeiten mit geringer Produktivität einhergehen, doch da Produktivitätsstufen insbesondere auf dem Dienstleistungssektor weder streng definiert noch gemessen werden, lässt sich dieser kausale Zusammenhang (niedrige Produktivität gleich niedrige Löhne) zumeist nicht ohne weiteres überprüfen.

Ein wichtiger, an Niedriglöhne geknüpfter Sachverhalt ist die Einkommensmobilität. Beispielsweise vertritt die OECD die Ansicht, dass Niedriglohnjobs oft zu besser bezahlten Jobs verhelfen und infolgedessen gering qualifizierten und weniger erfahrenen Arbeitnehmern den Eintritt in den Arbeitsmarkt erleichtern können. Gleichwohl gibt es nur in wenigen Ländern Anhaltspunkte dafür, dass Niedriglohnjobs häufig zu besser bezahlten Jobs führen; vielmehr belegen die Fakten, dass ein großer Teil von Niedriglohnempfängern zumindest mittelfristig im unteren Bereich der Lohnverteilung verbleibt.

Auch institutionelle Vereinbarungen insgesamt beeinflussen das Ausmaß von Niedriglöhnen. Insbesondere scheinen Mindestlöhne, die entweder gesetzlich oder tarifvertraglich festgelegt wurden und in allen 16 untersuchten Ländern vorhanden sind, die Häufigkeit von Niedriglöhnen zu verringern, obwohl sich die Vorteile einer starken Verhandlungsmacht von Gewerkschaften oder gesetzlich vorgeschriebener Mindestlöhne nicht gleichmäßig auf Männer und Frauen bzw. Teilzeit- und Vollzeitarbeitnehmer auswirken. Die Wirksamkeit von Mindestlöhnen als Mittel zur Durchsetzung einer besseren Bezahlung von Niedriglohnempfängern hängt von Faktoren ab wie der Höhe dieses Mindestlohns und dessen Geltungsbereich. Überdies sprechen die nationalen Tatsachen weder für einen positiven noch negativen Zusammenhang zwischen der Höhe des Mindestlohns und der Beschäftigung von Niedriglohnempfängern.

Manche politische Verantwortungsträger und internationale Organisationen sind der Auffassung, dass die Merkmale von Niedriglohnempfängern ihre Berufsaussichten verschlechtern und dabei entweder den Weg zu besser bezahlten Stellen oder den Eintritt auf den Arbeitsmarkt von vorneherein versperren. In dieser Hinsicht wird auf Grund der Hartnäckigkeit und des relativ hohen Anteils von Niedriglöhnen in vielen Ländern über die Beschäftigungs- und Arbeitsmarktpolitik versucht, die Berufschancen von Niedriglohnempfängern zu verbessern. Abgesehen von Mindestlohnvereinbarungen, die von Gewerkschaften stark befürwortet werden, umfasst eine solche Beschäftigungs- und Arbeitsmarktpolitik eine kombinierte Vorgehensweise mit Lohnzuschüssen, ermäßigten Sozialversicherungsbeiträgen, Steuernachlässen und Politiken zur Arbeitsmarktflexibilisierung. Jedoch gibt es bis jetzt noch keine Einigkeit hinsichtlich der Bedeutung dieser Maßnahmen, zumal deren Auswirkungen auf die Häufigkeit von Niedriglöhnen schwer einzuschätzen sind und in den einzelnen Ländern höchst unterschiedlich ausfallen. (Elias Ioakimoglou und Eva Soumeli, INE/GSEE-ADEDY, und Mark Carley, SPIRE Associates)

Anhang. Geltungsbereich und Qualität von Niedriglohnstatistiken

  • Österreich. Offizielle Lohnstatistiken werden von folgenden staatlichen oder halbstaatlichen Institutionen erstellt: Hauptverband der Österreichischen Sozialversicherungsträger (HSV);Arbeitsmarktservice (AMS); Statistik Austria; und dem Bundesministerium für Finanzen (BMF). Ebenso sammeln einige Hochschulfachbereiche und private Forschungseinrichtungen Umfragedaten zu Einkommen. In den Lohnstatistiken von Statistik Austria bleiben Unterschiede zwischen wöchentlicher und monatlicher Arbeitszeit unberücksichtigt. Der zwei Mal jährlich von Statistik Austria im Namen des Rechnungshofs veröffentlichte Einkommensbericht erweist sich bei der Aufschlüsselung der Einkommensangaben für Arbeitnehmer und Arbeitgeber nach Geschlecht, Alter, Beruf und Tätigkeit als nützlich. Für weitere und detailliertere Lohnvergleiche zwischen den Untergruppen der Bevölkerung reichen die Daten jedoch bei weitem nicht aus.
  • Belgien. Zu Einkommen und deren Höhe gibt es mehrere Statistikquellen. Zunächst berechnet das Ministerium für Beschäftigung und Arbeit den Index des tarifvertraglich vereinbarten Lohns auf der Grundlage von Tarifverträgen, die in gemeinsamen sektoralen Ausschüssen abgeschlossen wurden Anschließend sammelt das Nationale Amt für Soziale Sicherheit (Office National de la Sécurité sociale/Rijksdienst voor Sociale Zekerheid, ONSS/RSZ) Lohnangaben, zumal es für die kollektiven Sozialversicherungsbeiträge zuständig ist - diese Angaben sind gegenwärtig nur auf Antrag erhältlich. Schließlich führt das Nationale Statistikinstitut (Institut National de Statistiques/Nationaal Instituut voor de Statistiek, INS/NIS) Untersuchungen zur Lohnstruktur durch; die aktuellste, derzeit verfügbare Veröffentlichung stammt aus dem Jahr 1995, doch hat das Institut seit 1999 jährliche Untersuchungen durchgeführt.
  • Dänemark. Sämtliche Unternehmen mit mehr als zehn Mitarbeitern sind gesetzlich verpflichtet, Angaben zu Löhnen, tatsächlicher Arbeitszeit, Arbeitsform und Arbeitskosten der einzelnen Lohnempfänger an Danmarks Statistik zu melden, das wiederum Angaben zu Löhnen, Arbeitszeit, Arbeitskosten usw. veröffentlicht, die nach Geschlecht, Alter, Bildungsniveau und sozioökonomischem Status aufgeschlüsselt sind. Die Erhebung der Daten erfolgt in Zusammenarbeit mit den Arbeitgeberverbänden. Die von Danmark Statistik gesammelten Lohndaten sind so detailliert, dass sie einen Vergleich der individuellen Lohnniveaus ermöglichen. Das Nationale Dänische Sozialforschungsinstitut (Socialforskningsinsituttet, SFI) zeichnete von 1993 bis Ende 2001 für die Durchführung der Haushaltspanel-Umfrage in Dänemark im Rahmen der Erhebungswelle des Europäischen Haushaltspanels verantwortlich. Danmark Statistik ist an der Erstellung einer neuen Reihe von Eurostat-Statistiken zu Einkommen und Lebensbedingungen beteiligt, die ebenfalls Angaben zu Niedriglöhnen umfassen werden.
  • Finnland. Lohnvergleiche werden im Rahmen von Verdienststatistiken angestellt, die von Statistics Finland zusammengetragen und veröffentlicht werden. Statistiken werden jährlich erstellt und erfassen alle Arbeitnehmer des öffentlichen Sektors sowie diejenigen Arbeitnehmer des privaten Sektors, die in Unternehmen mit mindestens fünf Mitarbeitern beschäftigt sind.
  • Frankreich. Wichtigste Datenquellen zur Durchführung von Vergleichen zwischen den Niveaus der einzelnen Löhne beruhen auf den jährlichen Veröffentlichungen sozialer Daten (Déclarations annuelles de données sociales, DADS), die von Arbeitgebern stammen. Diese Statistiken, die Arbeitnehmer auf dem privaten und dem halbstaatlichen Sektor erfassen, werden regelmäßig vom Statistikinstitut INSEE verwandt und sind Gegenstand einer jährlichen Veröffentlichung. Lohnungleichheiten werden nur unter Vollzeitarbeitnehmern gemessen. Auch zu Staatsbediensteten gibt es Statistiken. Eine Untersuchung zur Lohnstruktur wird regelmäßig vom INSEE durchgeführt und erfasst Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigte. Angaben zu Niedriglohnempfängern sind ebenfalls aus der INSEE-Erhebung über die Arbeitskräfte ersichtlich, in der alle Arbeitnehmertypen erfasst sind.
  • Deutschland. Die Jahreslöhne einzelner Arbeitnehmer werden in einer '1% Stichprobenerhebung' ermittelt, die vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesanstalt für Arbeit (BfA) durchgeführt wird. Gegenwärtig sind Daten von 1975 bis 1995 verfügbar. Diese Erhebung ist die größte und zuverlässigste Quelle für Niedriglohnstatistiken. Sonstige wichtige Erhebungen sind die 'Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS)', die vom Statistischen Bundesamt (Destatis) durchgeführt wird, sowie die vierteljährliche Einkommenserhebung des Amtes (in Industrie, Groß- und Einzelhandel, Kreditinstituten und der Versicherungsbranche) und die Verdienststrukturstatistik (die neuesten Daten stammen aus dem Jahr 1995). Das 'Sozioökonomische Panel (SOEP)' führt eine jährliche Untersuchung durch, die vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) organisiert wird und Angaben zum Einkommen von Einzelpersonen und Haushalten umfasst.
  • Griechenland. Wichtigste Datenquelle zur Durchführung von Vergleichen zwischen den Niveaus der Löhne einzelner Arbeitnehmer ist die Verdienststrukturerhebung, die vom Nationalen Statistischen Amt Griechenlands (ESYE) durchgeführt wird. Die Untersuchung wurde zum letzten Mal 1995 durchgeführt, die nächste ist für 2003 angesetzt. Dabei werden sämtliche Produktions- und die meisten Dienstleistungssektoren sowie Unternehmen auf dem privaten und halbstaatlichen Sektor erfasst. Ebenso veröffentlicht das ESYE regelmäßig jährliche Zahlen zu Lohnänderungen in den einzelnen Produktionssektoren.
  • Irland. In diesem Land gibt es eine große Zahl Statistikinstitute, die einen Vergleich der Lohnniveaus einzelner Arbeitnehmer ermöglichen. Wichtigstes und für die Erstellung der Statistiken verantwortliches Institut ist das Central Statistics Office (CSO). Das CSO stellt die zuverlässigste Statistikquelle dar. Aber auch das unabhängige Economic and Social Research Institute (ESRI) erstellt regelmäßig aussagekräftige Statistiken zu Lohnvergleichen. Die dabei verfügbaren Daten sind von großer Qualität.
  • Italien. Die wichtigsten beiden Quellen für Einkommensangaben zu Einzelpersonen sind: die Erhebung zu Einkommen und Wohlstand italienischer Haushalte (SHIW), die von der Banca d'Italia durchgeführt wird; und die Sozialversicherungsarchive der Landesanstalt für Sozialversicherung (Istituto nazionale di previdenza sociale, Inps). Die Erhebung der Banca d'Italia erfasst sämtliche Sektoren und Arbeitsstellen und untersucht Faktoren wie Geschlecht, Alter, Familienstand, Bildungsniveau, Wohnsitz, Alter bei der ersten Erwerbstätigkeit sowie Haupt- und Nebentätigkeiten. Die Inps-Archive erfassen sämtliche Arbeitnehmer des privaten Sektors, die Beiträge in obligatorische Sozialversicherungskassen einzahlen. Insbesondere zu Löhnen und Arbeitsverträgen sind die Angaben sehr detailliert. Analysen werden im Allgemeinen auf Grundlage eines jährlichen Panels durchgeführt, das etwa aus 100.000 einzelnen Aufzeichnungen besteht.
  • Niederlande. Hauptquelle für Lohndaten ist das Statistische Zentralamt (Centraal Bureau voor de Statistiek, CBS). Statistiken werden regelmäßig erstellt und sind für jedermann erhältlich. Darüber hinaus sammelt das Gewerbeaufsichtsamt Daten bezüglich der Einhaltung der Verpflichtung, Arbeitnehmern den gesetzlichen Mindestlohn zu zahlen. Die Qualität der Daten ist hervorragend, sodass Korrelationen möglich sind.
  • Norwegen. Das Statistische Zentralamt Norwegen (Statistik Sentralbyrå) stellt Lohnstatistiken zur Verfügung, mit denen das durchschnittliche Einkommensniveau und die durchschnittlichen Einkommenserhöhungen für Arbeitnehmergruppen nach Sektor, Geschlecht und Beruf überwacht werden. Zwar umfassen diese Statistiken nicht die Lohnverteilung bzw. -streuung innerhalb dieser Gruppen, doch sind Zahlen zum entsprechenden prozentualen Anteil von Niedriglohnempfängern aus den Untersuchungen des Statistischen Zentralamts Norwegen zu den Lebensbedingungen ersichtlich.
  • Portugal. Lohndaten sind in erster Linie von der Abteilung für Arbeits-, Beschäftigungs- und Berufsbildungsstatistiken des Arbeits- und Sozialministeriums erhältlich (Departamento de Estatística do Trabalho, Emprego e Formação Profissional, DETEFP-MSST). Diese Daten sind zuverlässig und repräsentativ; 1998 erfassten sie 71,8% aller Arbeitnehmer und 73,4% aller Unternehmen (auch wenn Beamte, Leiharbeiter in der Landwirtschaft und der Agrarsektor ausgenommen sind).
  • Spanien. Wichtigste Informationsquelle zu Lohnangaben ist in Spanien die Untersuchung der Lohnkosten, die früher als Einkommensuntersuchung in Industrie und Dienstleistungssektoren bezeichnet wurde und vierteljährlich vom Nationalen Statistikinstitut (Instituto Nacional de Estadística, INE) durchgeführt und veröffentlicht wird. 1995 führte das INE ebenfalls eine Untersuchung zur Einkommensstruktur durch. Andere Quellen sind die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, die zur Berechnung des durchschnittlichen Jahreslohns nach Sektoren herangezogen werden kann.
  • Schweden. Für allgemeine Lohn- und Gehaltsstatistiken ist das Nationale Schlichtungsinstitut (Medlingsinstitutet) zuständig, das jeden zweiten Monat die neuesten Zahlen veröffentlicht. Die Zahlen werden vom Statistischen Zentralamt Schweden (Statistiska Centralbyrån, SCB) ermittelt und beruhen auf Angaben von Arbeitgeberverbänden. Die Statistiken erfassen sämtliche Sektoren und sind nach Sektoren und/oder Berufen, Geschlecht, Bildung und Altersgruppen aufgeschlüsselt. Gewerkschaftsbünde sowie einzelne Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände benutzen ihre eigenen Lohnstatistiken für Verhandlungen und sonstige interne Zwecke. Das SCB führt ebenfalls regelmäßig Erhebungen über die Arbeitskräfte durch.
  • Vereinigtes Königreich. Für Lohnstatistiken gibt es zwei Hauptquellen: die neue Einkommenserhebung (New Earnings Survey, NES) und die Erhebung über die Arbeitskräfte (Labour Force Survey, LFS). Seit 1992 werden die Daten vierteljährlich zur Verfügung gestellt. Für die Sammlung dieser Daten ist das Nationale Statistikamt (Office for National Statistics) zuständig. Die Lohndaten aus der LFS können zu den einzelnen Merkmalen jedes Arbeitnehmers und in geringerem Maße auch zu der Art der Arbeitsstelle in Beziehung gesetzt werden. Dagegen ist die NES eingegrenzter und kann nur in Bezug auf Beruf, Alter, Industrie, Geschlecht, Stunden und Region verwandt werden.
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